Von Elsemarie Maletzke

Als die Parkbäume vor hundert Jahren noch klein waren, blickten die Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt in Thüringen von der Höhe ihrer barocken Residenz geradewegs auf das Anwesen des Fabrikanten Friedrich Adolf Richter. Hinter Saaleknie und Eisenbahnlinie hatte er sich selbstbewußt aufgepflanzt: die Villa mit zwei Rundtürmen und zwei parallelen Flügeln unter einem Dach voller Türmchen, Giebel und Gauben; dahinter die Fabrik, die aus zwei hohen Schornsteinen prächtig den Qualm der Prosperität stieß, und unfern sein Kurhotel "Rudolsbad". Es war ein sehenswertes Ensemble, mit dem der Fabrikant Richter, weit davon entfernt, Sozialreformer zu sein, einen neuen Weg wies: Wohnen, Arbeit und Erholung am selben Ort. Allerdings war die Erholung nicht für die Arbeitenden gedacht, und von Werktätigen wie Gästen schied sich der Villenbewohner durch eine hohe Mauer.

Seit DDR-Zeiten sind die repräsentativen Räume der Richterschen Villa von einem Kinderhort okkupiert. Was für Räumlichkeiten! Wuchtige dunkle Täfelung teilt sie in halber Höhe, darüber hat die DDR ihre sockenfarbenen Tapeten geklebt, halbplastische Faune und Nymphen, Säulen, Urnen und Kapitelle wachsen wie heidnische Hochaltäre über die Türrahmen und stoßen gegen die schweren Kassettendecken in Schokoladenbraun und Gold. Es schadet nicht, daß die von so viel schlechtem Geschmack irregeleiteten Kinder ihrerseits Bilder von Pferden und Wellensittichen auf diese Wände geheftet haben, daß die abscheulichste Sammlung kunststoffbeschichteter Möbel herumsteht und das Ambiente von Neonröhren beleuchtet wird, deren Halterungen man anstandslos in die Decken gebohrt hat.

Der Eindruck von Unverhältnismäßigkeit ist um so erstaunlicher, als Friedrich Adolf Richter der geschickte Verwerter – wenn auch nicht gerade der Erfinder – des ersten System-Spielzeugs war: der berühmten Anker-Steinbaukästen. Noch heute entzückt dieses Spielzeug durch seine Ästhetik, seine klassischen Formen und sein der Hand schmeichelndes Material, ein Spielzeug in der Tradition des Pädagogen Friedrich Fröbel, weiterentwickelt von den Gebrüdern Lilienthal, die der Welt eher als Flugpioniere denn als Spielzeugfabrikanten aufgefallen sind.

Herr Richter hatte den Lilienthals für billiges Geld ihr Patent abgeschwatzt und 1882 in Rudolstadt im großen Stil mit der Steinbaukasten-Produktion losgelegt. Ein Sand-Kreide-Leinöl-Gemisch, ziegel-, sandstein- und schieferfarbig getönt, wurde in Würfel und Walzen, Pyramiden und Bögen, Kegel und Tafeln gegossen, die sich erst puderig, im Gebrauch weich und speckig anfühlen – und dem wahren Anker-Enthusiasten noch heute ihre Herkunft durch einen zarten Duft nach ranzigem Öl verraten.

Der kleine Haushalt konnte für 1,50 Reichsmark den Kasten "Heinzelmännchen" erwerben, anspruchsvollere Knaben ließen sich einen Grundkasten schenken, der mit Ergänzungskästen zu zentnerschweren Sammlungen anwuchs. Traum eines jeden Baukastenfreunds war offenbar der umfangreichste Kasten Nummer 34 mit 3937 Steinen für 370 Mark. Jeder Schachtel lagen ein mehrsprachiger Prospekt und detaillierte Vorlagen bei, nach denen die Baumeister – auf den Deckeln sind es in der Regel drei Generationen Männer, während Schwestern die Steine anreichen dürfen und die Mütter in atemloser Bewunderung die Hände zusammenschlagen – Lage für Lage ein maßstabgerechtes Landhaus, eine Brücke, eine Burg oder eine Kirche errichteten.

Im Ersten Weltkrieg, als die Farben ausgingen, stellte Richter auch Festungsbaukästen in Feldgrau her, für die er mit den Worten warb: "Die Unterstände, Wälle und Gänge entsprechen der Wirklichkeit, denn es haben Offiziere an den Vorlagen mitgebaut. Eine belehrende und anregende Unterhaltung auch für Erwachsene. Alle Vorkommnisse des modernen Stellungskrieges lassen sich mit diesem neuen Kasten darstellen. Der neue Kasten ,Festungen‘ ist mit großer Begeisterung aufgenommen und hat auch unseren Soldaten draußen schon Freude gemacht."