Von Roland Kirbach

Seit zwei Jahren ist Horst S. an Aids erkrankt. Mitunter lebt er fast beschwerdefrei, ohne Symptome; dann wieder geht es ihm sehr schlecht. Vor vier Wochen bekam er hohes Fieber und Durchfall. Die Ärztin in der Ambulanz der Uni-Klinik in Münster, wo S. in Behandlung ist, wies ihn zur stationären Behandlung ein. Es wurde eine Lungenwäsche durchgeführt, danach sollte S. noch ein paar Wochen dableiben. Doch schon am dritten Tag – er hatte immer noch Fieber – habe ihm der Stationsarzt beim Frühstück gesagt, bis um zehn Uhr müsse er weg sein; sein Bett werde gebraucht für einen Patienten, dem es noch schlechtergehe. Später erfuhr S., daß er entlassen werden mußte, weil die Hälfte der Betten auf der Aids-Station aus Kostengründen stillgelegt wurden.

Die Ehefrau von Franz M. wurde – trotz Einweisung – gar nicht stationär aufgenommen. Der Ambulanzarzt an der Kölner Uni-Klinik hatte die Krebspatientin zur Chemotherapie eingewiesen, noch an einem Samstag sollte die Behandlung beginnen. Doch es war kein Bett frei. Nach zehn Tagen endlich teilte ein Stationsarzt Franz M. mit, die Therapie müsse ambulant durchgeführt werden. Er habe sicher in der Zeitung gelesen, meinte der Arzt, warum jetzt keine Patienten mehr aufgenommen werden könnten.

Der Kölner Stadt-Anzeiger hatte berichtet, daß der Verwaltungsdirektor der Universitätskliniken mehrere Chefärzte schriftlich aufgefordert hatte, "mit sofortiger Wirkung keine Neuaufnahmen vorzunehmen, soweit es sich nicht um unabweisbare Notfälle handelt". Der Grund: In vielen medizinischen Bereichen sei das für 1993 vorgegebene Budget schon aufgebraucht. Betroffen sind davon zum Beispiel die Frauenklinik, die keine Risikoschwangeren mehr aufnehmen darf, und die Klinik für Innere Medizin I, wo auch Tumorkranke betroffen sind. Der Chef der Inneren hat inzwischen einen Rechtsanwalt beauftragt, zu prüfen, ob er sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig mache, wenn er Patienten abweise.

Landauf, landab die gleichen Meldungen: In Köln müssen neben den Uni-Kliniken auch die Städtischen Krankenanstalten sparen. Der Chef der dortigen Hals-Nasen-Ohren-Klinik schrieb 200 fest angemeldete Patienten an und teilte mit, daß ihr Operationstermin storniert werden müsse: "Aufgrund eines begrenzten Budgets sind wir nur noch in der Lage, nicht aufschiebbare Eingriffe vorzunehmen."

In Duisburg mußte die Neurochirurgische Abteilung der Städtischen Kliniken bereits Anfang November auf Weisung des Verwaltungsdirektors die Hälfte ihrer sechzig Betten stillegen, darunter auch eine Intensivstation, die größte neurochirurgische in Nordrhein-Westfalen. Oberstadtdirektor Richard Klein billigte die Entscheidung. In einem Brief an den Chefarzt, der auf "die Gefahr einer Minderversorgung von schwerverletzten Patienten" hingewiesen hatte, schrieb Klein, ohne die "Leistungseinschränkung" werde der mit den Krankenkassen ausgehandelte Etat um mehr als 900 000 Mark überzogen.

Die Uni-Klinik in Münster hat aus finanziellen Gründen auf der Aids-Station die Bettenzahl auf elf halbiert; in der Abteilung für krebskranke Kinder wurden vier von zwanzig Betten gesperrt; die Psychiatrische Tagesklinik nimmt keine neuen Patienten mehr auf; die Tagesklinik in der Hautklinik wurde ganz geschlossen. Von Tag zu Tag verlängere sich die Liste der Krankenhäuser, die Leistungen einschränken, sagt Uwe Preusker, Sprecher des Marburger Bunds, der Interessenvertretung der angestellten und beamteten Ärzte.