Was wir Otto Lilienthal oder den Gebrüdern Wright zu verdanken haben, das wissen wir. Die christliche Luftfahrt wäre ohne diese Pioniere schlichtweg undenkbar. Aber wer kennt schon Emilie Imhoff? Als erste deutsche Stewardeß bewirtete Fräulein Imhoff – Fräulein mußte man damals schon sein! – 1936 in einem Zeppelin die herrschaftlichen Passagiere.

Diese weibliche Pionierin der Luftfahrt brach das Eis. Tausende junger Frauen bewarben sich als "Air-Hostess", doch nur wenige erfüllten alle Bedingungen, von denen eine lautete: "Gewichtsbegrenzung auf 57 kg, ein Reiseköfferchen eingerechnet." Die Presse überschlug sich vor Begeisterung: "Kein Wunder, daß diese tapferen, bescheidenen, umsichtigen, gebildeten und gegenwartsnahen Mädchen eine magnetische Anziehungskraft auf die männlichen Fluggäste ausüben. Sie sind in der Tat glänzende Ehekameradinnen", schrieb der Westdeutsche Beobachter 1938.

Offenbar etablierte sich zwischen Schäfchenwolken und Stratosphäre frühzeitig ein florierender Kontakthof, von dem auch der Herrenkurier, der im heutigen Blätterwald schmerzlich vermißt wird, noch 1955 sehnsüchtig berichtete: "Eine Stewardess zur Frau zu nehmen, bedeutet für den gehetzten Mann von heute eine der wenigen Möglichkeiten, eine Katze nicht im Sack kaufen zu müssen." All dies fand eine ehemalige Lufthansa-Stewardeß in einer akribischen Forschungsarbeit heraus.

Mit einiger Phantasie versuchen wir uns auszumalen, wie es damals in der Kabine zuging, als männliche Großbürger und die Töchter aus besserem Hause auf Wolke sieben noch unter sich waren. Die Sitten sind zweifellos verfallen, seit sich die Noblesse den Luftraum mit Neureichen, Globetrottern und Pauschaltouristen teilen muß. Für die gepflegte Brautschau erscheint ein mit 400 Zuschauern besetzter Großraumjet zweifellos nicht mehr der rechte Ort.

Und selbst die hoheitliche Mission der Stewardessen, uns die Angst vorm Fliegen zu nehmen, müssen sie immer häufiger an seelenlose Videoclips abtreten. Wie sehr beruhigten uns die pantomimischen Auftritte der Damen vor dem Start, mit denen sie uns in die Fluchtwege und Sicherheitsvorkehrungen der Maschine einwiesen. Die Ventile der Schwimmwesten hielten sie wie Sektkelche, die Sauerstoffmasken streiften sie sich mit spitzen Fingern stets nur ansatzweise über die frisch gesprayten Haare. Ihre ganze Haltung suggerierte uns besorgten Passagieren, daß wir diese Lebensretter an Bord des Flugzeugs garantiert nie, nie, nie benötigen würden.

Statt dessen haben Stewardessen heutzutage buchstäblich alle Hände voll zu tun, formatiertes Essen auszuteilen, Dosenbier auszuschenken, zollfreie Waren anzupreisen und schreiende Babys zu unterhalten. Und ja, sie kommen ihren Aufgaben nur noch mangelhaft nach: "Wie gleichgültig das Bordpersonal seinen Dienst versieht, zeigt die Tatsache, daß die Toiletten der Business Class häufig von Reisenden aus den preiswerten Sitzreihen benutzt werden können", prangerte die Wirtschaftswoche unlängst an. Es sei schon sehr irritierend, "wenn Flugbegleiter nicht einmal den Versuch unternehmen, Economy-Fluggäste zurückzuhalten".

Nein, über den Wolken geht es wahrlich nicht mehr sehr vornehm zu, aber wir grausen uns bei der Vorstellung, daß die Stewardessen wie Politessen zur Einlaßkontrolle vor den WC-Türen aufmarschieren und Ordnungswidrigkeiten mit aller Schärfe ahnden: Wer an Bord ein Geschäft verrichten will, ist schließlich noch lange kein Business-Passagier.

Vergessen und vorüber, Gott sei’s geklagt, sind die Zeiten, als alle Mädchen davon träumten, Stewardeß zu werden, und alle Jungen, eine Stewardeß zu heiraten. Olaf Krohn