SIEGBURG. – Ungetrübte Freude will in diesen Tagen nirgends so recht aufkommen, bei all dem Filz und Unmut über Politik, Regierung, Rücktritte und überhaupt: im Rheinland so wie andernorts. Aber was wären die Rheinländer ohne gelegentliche Erschütterungen in und um Bonn? Viel weniger gelassen, zumindest in der Nachbarkreisstadt Siegburg.

Seit Jahr und Tag für gute Stimmung bürgt hier die regierende CDU am Ort. Deren tragende Persönlichkeit ist Adolf Herkenrath, Bundestagsabgeordneter seit 1976, Ratsmitglied, Exbürgermeister und, so scheint es, ein Mann mit Sitzfleisch. Die Siegburger erfreuen sich seit Jahren an des Mannes überraschend unkonventionellem Tatendrang: Herkenrath ist niemand, der subtil ins Fettnäpfchen gerät. Er kennt die Bürger: Da die Siegburger über den feinen Witz nicht wirklich lachen können, schafft er die Pointen, die jedermann versteht. Herkenrath, skandalerprobt, sitzt auch die neueste Geschichte durch.

Dabei ist der 65jährige in seinem Wahlkreis nicht mehr allzugern gesehen: ein Abgeordneter aus Bonn, den die Partei zu Hause loswerden will, ein Politiker, der nach Auskunft der örtlichen Zeitung in den Ortsvereinen seines Kreises fürchterlich auf die Schnauze gefallen ist. Kurzum, ein Mann im Abwind. Endlich.

Wie aber entledigt man sich eines solchen Abgeordneten? Mittels Mitgliederbefragung, dachte sich die CDU und verschickte Ende September Stimmzettel, um die Basis an der Suche nach dem neuen Kandidaten für die Bundestagswahl 1994 zu beteiligen.

Das Ergebnis war überraschend. Von 156 bei der Partei eingegangenen Stimmzetteln entpuppten sich 46 als gefälscht. Die Zettel waren schlecht kopiert. Große Aufregung bei der Partei, Gelächter bei der Opposition, Freude im Ort und Stillschweigen in Bonn. Ein graphologisches Gutachten, von der Siegburger CDU schnell in Auftrag gegeben, ergab Erstaunliches. Mit "hoher Wahrscheinlichkeit", so der Gutachter, stammten die ihm vorgelegten Fälschungen von keinem Geringeren als Herkenrath selbst.

Ein Mann, der Einsatz zeigt. Offensichtlich hatte der Diplomlandwirt sich wieder ins Gespräch bringen wollen, nachdem er wegen der Schlechtwetterlage auf seine Kandidatur vorher verzichtet hatte. 17 der 46 gefälschten Stimmen entfielen auf ihn selbst, der Rest auf eine Kandidatin vom anderen Ende des Kreises: Christel Tetteroo-Kroll aus Niederkassel. Die wiederum ist, wie es der Zufall will, Mitarbeiterin Herkenraths in dessen Bonner Bundestagsbüro.

Herkenrath war empört und versprach vor sechs Wochen, umgehend Schriftproben für ein zweites Gutachten beizubringen. In all der Aufregung muß er das schlichtweg vergessen haben. Dann kam die Wendung, auf die der Siegburger Humor schon gewartet hatte – Herkenrath erhielt einen anonymen Hinweis: Eine "bierselige Männerrunde" habe die Stimmzettel im trunkenen Zustand gefälscht. "Einer der Sünder hat bei mir gebeichtet", berichtete der Abgeordnete dem WDR und versprach, wieder umgehend, der CDU die Halunken zu präsentieren.