Von Marko Martin

In Zeiten der Stagnation sind dynamische Gesten willkommen. "Nach einer rasanten Fahrt in einem belgischen Polizeiauto steigt Bundeskanzler Helmut Kohl wohlgelaunt aus dem Auto und wechselt das Jackett." Nicht nur dem Schwarzwälder Boten war dies ein großformatiges Photo wert, auch andere Regionalzeitungen zeigten die Hosenträger des Kanzlers. Die Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung schrieb sogar: "Kohl erhielt Zuschlag."

Dabei gerieten das eigentliche Ereignis, der EG-Gipfel in Brüssel, und sein Ergebnis, Frankfurt wird Sitz der Eurobank, nicht aus dem Blickfeld. In ausgewogenen Kommentaren, nicht zu kurz und nicht zu lang, wurde den Lesern erklärt, was dies zu bedeuten habe; die gängigen Formulierungen über "fortbestehende Probleme", "vorsichtigen Optimismus" und "den langen Weg, der noch zu gehen ist" fehlten nirgends.

Geködert mit einigen Sätzen über "Das Abenteuer auf der Autobahn" mußten die Leser dieser Zeitungen auf sachliche Hintergrundinformation also nicht verzichten. Aus der Aachener Volkszeitung konnten sie sogar erfahren, was von antieuropäischen Ressentiments zu halten sei: "Die immer schärfer werdenden Ausfälle von Edmund Stoiber sind mehr als plumpe Anbiederung an das rechte Wählerspektrum ... doch die eigentliche Gefahr liegt in einer Tendenz zur Renationalisierung deutscher Politik, die sich auch auf anderen Gebieten zeigt." So kommentiert von einem Blatt, das die Bezeichnung "demokratisch, christlich, sozial" im Titel führt.

Wer sich an das Meinungsspektrum überregionaler Zeitungen gewöhnt hat, dem bereitet die Lektüre westdeutscher Provinzzeitungen oftmals beträchtliche Überraschungen. Besonders dann, wenn man "die Provinz" für einen rückständigen, monolithischen Block hält, dessen Beschaffenheit allein aus der Distanz der großen Metropolen gedeutet werden kann.

Ein Beispiel: die Mittelbayrische Zeitung. Löst nicht schon der Name bei manchem Großstädter negative Assoziationen und Gruselgefühle aus? In der Tat hat der Autor dieser Zeilen bisher nirgends so viele Photos von Kirchen, Pfarrern, Bischöfen, Gottesdiensten und Friedhöfen innerhalb weniger Tage versammelt gesehen wie in der Mittelbayrischen Zeitung aus Regensburg. Wer würde dann neben Artikeln über einen in Bronze gegossenen heiligen Wolfgang und den Weihbischof Vinzenz Guggenberger – allein die Namen könnten ein herablassendes Lächeln provozieren – eine spöttische Glosse über Regensburgs Stadthistoriker erwarten? "Der führende Kopf unter den Geschichtsschreibern auf der CSU-Seite ist Hermann Vanino, ein Meister seines Faches. Er glaubt hartnäckig an die Devise von George Orwells Großem Bruder: ‚Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft.‘"

Über die von CSU-Politikern beklagte "Dominanz des Französischen" in der EG war in jener Zeitung als Kommentar zu lesen: "Wir fordern deshalb CSU-Chef Theo Waigel mit Nachdruck dazu auf, endlich Bayrisch als Amtssprache im Kreml durchzusetzen. Kyrillisch is aud!"