Adam Krzeminski Ich möchte gerne Ihre so unterschiedlichen Lebensläufe und Erfahrungen mit der europäischen Linken sozusagen aufeinandertreffen lassen in einem Gespräch über Deutschland, die "Bewältigung der Vergangenheit", das Erbe des Sozialismus, Europa und die deutsch-polnische Ungleichzeitigkeit. So können sich die Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Betrachtung derselben Fragen abzeichnen. Vielleicht beginnen wir mit dem Jahr 1989: War der Fall der Mauer und die Vereinigung Deutschlands für Sie beide in gleichem Maße eine Überraschung?

Jürgen Habermas: Selbstverständlich war ich genauso überrascht wie die meisten Deutschen. Aber ich war im Sommer 1988 zum ersten Mal in der DDR, in Halle. Der Eindruck von der geistigen Verfassung der Menschen, die damals auf dem Symposium auftraten, war niederschmetternd. Sie waren zynisch und verzweifelt. Es war nichts übriggeblieben von einer Hoffnungsperspektive. Insofern war mir nachträglich bewußt, wie weit dieses System damals bereits erodiert war. Aber selbstverständlich habe ich dieses Ende nicht vorausgesehen.

Adam Michnik: Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Ihnen 1979 in Warschau, als Sie über das Problem der Vereinigung Deutschlands überhaupt nicht sprechen wollten. Anfangs war ich sehr demütig, weil man gegenüber Habermas nicht nicht demütig sein kann, und dann sagte ich, daß die deutsche Linke meiner Meinung nach denselben Fehler begeht wie einst Rosa Luxemburg in Polen, weil sie die Kraft und Dynamik des deutschen Nationalgefühls nicht verstehen will. Mein Paradox besteht darin, daß ich meines Erachtens damals recht hatte.

Als ich dann aber wieder Ihre Polemik im Rahmen des Historikerstreits las, fand ich, daß Sie recht hatten, Stürmer, Hillgruber und Nolte den Wunsch nach einer Relativierung der Verbrechen Hitlers durch die Verbrechen Stalins und eine Renaissance des Nationalismus vorzuhalten. Ich habe hier ein leicht schizophrenes Bewußtsein. Ich bin absolut solidarisch mit Ihrer Haltung im Historikerstreit und meine, daß uns, den Polen, sowohl eine solche Diskussion als auch ein solcher Habermas fehlt. In der Frage der Vereinigung Deutschlands dagegen hatte wohl ich recht, denn die deutsche intellektuelle Klasse hat dieses Problem unterschätzt.

Krzeminski: Im Sommer 1989 stand die Mauer noch felsenfest, auch wenn die DDR-Deutschen in Ungarn schon ihre Sachen packten, als Adam Michnik und Bronislaw Geremek (damals Vorsitzender der Solidarność-Fraktion im polnischen Parlament; die Red.) sich öffentlich für eine Vereinigung Deutschlands aussprachen. Einerseits war das eine Überraschung für viele im Westen und in Polen. Andererseits war in Polen der Gedanke, daß die Teilung Deutschlands nicht ewig ist, angesichts unserer eigenen historischen Erfahrungen recht lebendig.

Habermas: Diese Erklärung von Michnik und Geremek im Sommer 1989 ist mir zwar entgangen, aber damals wäre ich sicherlich gegen eine Perspektive der Vereinigung gewesen. Bleiben wir aber noch einen Moment beim deutschen Nationalbewußtsein. Man darf nicht vergessen, daß es in Deutschland – aus naheliegenden historischen Gründen – eine andere Rolle gespielt hat und spielen wird als in Polen. Den Polen sicherte es 150 Jahre lang ihre Identität, trotz der fehlenden Unabhängigkeit. In Deutschland spielte es als politischer Wert nur bis 1848 eine progressive Rolle. Schließlich hat Preußen nie auf einer nationalen Basis funktioniert. Dennoch hat sich das Bismarckreich den Nationalismus zunutze gemacht und seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts viel Unheil gebracht. Nach 1945 dagegen wurde in Deutschland zum ersten Mal eine halbwegs vernünftige Demokratie etabliert, und das nur, weil der Nationalismus diskreditiert war.

Michnik: Seit vielen Jahren stehe ich unter dem Eindruck eines hervorragenden Essays von Professor Habermas über den Verfassungspatriotismus. Und diese Zweideutigkeit ist heute gewissermaßen zu sehen. Die erste Phase der Vereinigung Deutschlands brachte die Freiheit, aber die zweite – das Pogrom in Hoyerswerda. In Polen ist es übrigens genauso oder könnte es genauso kommen.