Von Lothar Baier

Vier Jahre, die aus unserer Geschichte zu streichen sind", hat der Ankläger im Prozeß gegen Marschall Pétain nach dem Zweiten Weltkrieg die Periode von 1940 bis 1944 in Frankreich genannt, als "dunkle Jahre" wollte sie der Schriftsteller Jean Guehénno erinnert wissen. Der Wunsch des Staatsanwalts hat sich auf Dauer jedoch nicht erfüllt, gerade in jüngster Zeit häufen sich in Frankreich die historischen Dokumentationen, welche die Verhältnisse unter der deutschen Okkupation und unter dem Regime von Vichy im einzelnen rekonstruieren und dabei zeigen wollen, daß die Geschichte Frankreichs im Jahr 1940 nicht einfach eine Pause gemacht hat, um im August 1944 bei der Befreiung von Paris nach vierjähriger Ruhe in frischem Glanz neu zu entstehen, sondern daß sie in der Zwischenzeit unter Einbeziehung vieler gut französischer Traditionen trotz Fremdherrschaft am Leben geblieben war. Mit der Macht von Verdrängung und Tabuisierung wird in der Regel erklärt, warum es Jahrzehnte gedauert hat, ehe der Schleier von der Welt der "dunklen Jahre" heruntergezogen werden konnte.

Diese Erklärung trifft jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn auch die Tabuisierung hat eine Geschichte. Beim näheren Hinschauen stellt sich nämlich heraus, daß in den ersten Jahren nach der Libération durchaus einiges Licht in die Nacht von Vichy gebracht worden war. Eine ganze Reihe von Schriftstellern erzählten in Romanen und autobiographischen Büchern von dem großen grauen Zwischenbereich zwischen strahlender Résistance und düsterer Kollaboration, der in den feierlichen politischen Ansprachen der Zeit nicht vorkam. Ihre Bücher wurden veröffentlicht, manchmal sogar mit Preisen ausgezeichnet, und müssen damals auch Leser gefunden haben. Die Lektüre solcher Literatur kapitulierte dann aber offenbar vor anderslautenden Deutungen, die von der amtlichen Politik der Nachkriegsjahre in Umlauf gesetzt wurden und die mit ihrem Manichäismus von Schwarz und Weiß für lange Zeit die Geister beherrschten. Einige dieser gleich nach den Ereignissen geschriebenen literarischen Bücher hatten es jedoch schon einmal besser gewußt.

"Denn Literatur ist, verglichen mit der Geschichtsschreibung, sicher nicht das unzuverlässigere Medium der Erkenntnis", schreibt die Herausgeberin des Bandes "Paris 1940-1944. Die dunklen Jahre der ‚Ville Lumière‘", Gabriele Kalmbach, und es ist schwer, ihr im Blick auf den gewählten Geschichtsabschnitt zu widersprechen. Ihr Buch sammelt literarische Texte, die von der Zeit zwischen den späten dreißiger Jahren und der Befreiung Frankreichs erzählen. Es ist übersichtlich in neun Kapitel gegliedert, die jeweils von einem sachkundigen zeitgeschichtlichen Kommentar der Herausgeberin eingeleitet werden. Manch Bekanntes ist darin zu finden, etwa ein Abschnitt aus Antoine de Saint-Exupérys "Flug nach Arras", ein Auszug aus André Schwarz-Barts "Der letzte der Gerechten" oder Jean-Paul Sartres Berichte aus dem besetzten und dem sich befreienden Paris. Das Bekannte von ehedem wird für viele inzwischen nachgewachsene Leserinnen und Leser etwas Neues sein, so daß sein Wiederabdruck hier sinnvoll erscheint – doch es gibt in diesem Buch auch noch genug gänzlich Unbekanntes zu entdecken. Daß meistens nur kurze Auszüge aus Romanen oder längeren Autobiographien wiedergegeben werden, ist bedauerlich, läßt sich bei einem Sammelband von handelsüblichem Umfang aber nicht vermeiden.

Durch die Gegenüberstellung von literarischen Texten ganz unterschiedlicher Herkunft entsteht ein eindrucksvoller Facettenreichtum, der das jeweilige Geschichtskapitel lebendig werden läßt. Die Vorstellung von der Massenflucht aus Paris im Juni 1940 zum Beispiel erhält eine etwas andere Färbung, wenn man aus dem Bericht des Emigranten Friedrich Torberg erfährt, daß die hoffnungslose Überfüllung der großen Ausfallstraßen auch eine landesspezifische Ursache hatte: "Es waren fast ausnahmslos Emigranten oder zumindestens Belgier, die das Risiko der Nebenstraßen eingingen – Franzosen scheinen auch dazu zu konservativ zu sein." Es mag zwar alles drunter und drüber gehen, unerschütterlich hält man an der Straßenordnung und den amtlichen Stempeln fest, die der Flüchtende auf den Papieren haben muß, wenn er den heranrückenden Deutschen legal und korrekt entkommen will: Angesichts solcher Situationsbeschreibungen erscheint es einigermaßen rätselhaft, wie in Frankreich die Legende von der segensreichen Ordnungsliebe der Deutschen hat entstehen können, deretwegen man in Frankreich die Härten der Okkupation zähneknirschend, aber irgendwie beeindruckt hingenommen haben will.

Es muß noch andere Gründe gegeben haben, sich mit der Besatzungsmacht und mit den von ihr diktierten Alltagsbedingungen zu arrangieren; die erzählenden Texte mit ihren Rollenspielen berichten davon viel genauer als die kategorisierenden Geschichtsdarstellungen. Warum widersetzt sich ein gefangener Offiziersanwärter dem Gedanken an die Flucht aus dem Lager? "Aber war Ehre nicht ein abstrakter Begriff, den man durch ,Realismus’ ersetzen mußte? Da waren die Kameraden. Konnte man sie so im Stich lassen?" heißt es in Jean Dutourds 1952 erschienenem Buch "Au Bon Beurre – Bilder des Lebens unter der Okkupation". Joseph Joffo, ein Überlebender der großen Razzien gegen die Pariser Juden, erzählt die grausig-komische Anekdote von den zwei SS-Männern, die sich in Paris die Haare schneiden lassen und nicht bemerken, daß sie in einen jüdischen Friseurladen geraten sind, die einerseits zu antisemitischen Tiraden ansetzen und andererseits den gelungenen Haarschnitt loben und schließlich, als man sie aufklärt, die Bemerkung fallenlassen, mit ihren Ausfällen gegen die Juden hätten sie doch nur die "reichen Juden" gemeint.

Jener "Realismus", der nicht nur dem Gefangenen die Flucht ausredete, sondern der auch das Handeln der weder vom aktiven Widerstand noch der harten Kollaboration verlockten Bevölkerungsmehrheit bestimmte, war nach der Befreiung öffentlich unsagbar geworden, weil er nicht in dem Schema Heidentum versus Verrat aufging. Aber als Mentalität ließ er sich in literarischen Büchern zur Sprache bringen, zum Beispiel in den Romanen Marcel Aymés, aus denen Gabriele Kalmbach mehrere Passagen ausgewählt hat. "Die Heuchler zählten jetzt schon Millionen. In allen Gegenden Frankreichs, in allen Dörfern, in den großen und den kleinen Städten sah er diese doppelgesichtigen Leute wimmeln, erkennbar an ihrer etwas beschämten, gezwungenen Art, am zuckersüßen Ton ihrer Reden, an der Kunst, Gesprächspausen zu nutzen, an ihrem versöhnlichen, leicht dienstfertigen Lächeln, als seien sie Untergebene. Diese Millionen Bürger, überlegte er, und das entschuldigte sie ein wenig, waren aufgerufen, zwischen politischen Parteien zu entscheiden, die mit Grausen verurteilten, was sie für wahr und vernünftig gehalten hatten und noch hielten." So steht es in dem 1948 erschienenen Roman "Uranus" von Marcel Aymé, einem Schriftsteller, der von seiner Biographie her dazu prädestiniert gewesen ist, empfindlicher als andere Spuren der Heuchelei zu wittern: Vor 1944 hatte er selbst auf seine Weise mitgemacht und für das antisemitische Kampfblatt Je suis partout geschrieben, dessen Chefredakteur Robert Brasillach bei der Befreiung als literarischer Hauptverräter herausgegriffen und mit dem Tode bestraft wurde.