Von Tomas Fitzel

Beim ersten Durchblättern der Briefe von Paul Scheerbart wird man enttäuscht sein. Was erfährt man über ihn, ihn, der als trinkfester Phantast in keiner Beschreibung der Boheme fehlen darf, diesen "Kosmokomiker" und "Weltenbaumeister", diesen lachenden "Barbar", wie Walter Benjamin ihn in einem Essay nannte? Wenn man nach intimen Geständnissen sucht, wird man vergebens forschen. Weder wird man an Reflexionen zu einer eigenen Kunst- und Literaturtheorie teilhaben können – ja noch nicht einmal das unschuldig boshafte Vergnügen, Klatschgeschichten über Scheerbarts Schriftstellerkollegen zu erfahren, wird einem gewährt. Und Scheerbart verkehrte an vielen Tischen: an Strindbergs Stammtisch im "Schwarzen Ferkel" ebenso wie im "Café des Westens" (Café Größenwahn) oder im Friedrichshagener Kreis am "Verbrechertisch" Hartlebens.

Eine verläßliche Biographie über Scheerbart ist bisher noch nicht geschrieben worden. Er selbst ging äußerst sparsam mit biographischen Angaben um. "Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Paul Scheerbart selbst nicht weiß, wer er ist", schrieb aus diesem Grund Saul Friedlaender zu dessen fünfzigstem Geburtstag. Geboren wurde Scheerbart 1863 in Danzig, verlor frühzeitig seine Eltern und wurde von einer verständnisvollen Stiefmutter erzogen. Anfang der achtziger Jahre gerät er nach Berlin, bleibt schließlich nach einigem Hin und her und beginnt zu schreiben, zuerst Zeitungsartikel und 1888 das erste Buch.

Die Adressaten der frühen Jahre sind vor allem Richard Dehmel und Franz Servaes, seine beiden engsten Freunde, sowie Max Bruns, der Verleger, und nach 1900 Erich Mühsam, der ihm ebenfalls herzlich zugetan war, Walter Heymel vom Insel-Verlag, Ernst Rowohlt, Alfred Kubin, Herwarth Walden und Bruno Taut, der Architekt.

Scheerbart konnte sehr gut seine Freunde auf eine fast verletzend scharfe Weise kritisieren, vertrug aber umgekehrt Kritik an seinen Arbeiten überhaupt nicht. Freunde wie Mühsam und Dehmel erduldeten dies, selbst gefühllose Grobheiten. Diese entsprangen nämlich nicht einem kalten Zynismus, sondern einer ständigen Enttäuschung und verzweifelter Melancholie.

"In erster Linie kommt das Geschäftliche", schrieb er am 2. März 1910 an Walden. Und das waren seine Briefe auch in erster Linie: Geschäftsbriefe. Selbst der Briefwechsel mit den nächsten Freunden hatte immer ein Anliegen. Stets ging es um ein Projekt: Manuskripte, die gelesen oder befördert werden sollten, oder Geld, immer wieder Geld. Anfang 1914 war die finanzielle Misere so elend geworden, daß Scheerbarts Frau sich heimlich an Dehmel um Hilfe wandte, worauf die Freunde einen Rundbrief an die deutschen Schriftsteller verfaßten und zur "Paul-Scheerbart-Spende" aufriefen. Die meist konventionelle Form der Briefe ist erstaunlich, wenn man die wagemutig phantastischen Konstruktionen seiner Bücher kennt. Lediglich in den standardisierten Formeln wie Anrede, Adresse und Schlußgrüße durchbricht er die Konvention und explodiert geradezu: "70 Trillionen Weltgrüße", "Bärengrüße", "eiligste Dynamitgrüße" ... und alle möglichen Grüße werden versprüht und die Freunde mit Phantasieadressen und -namen betitelt. In solchen Formen offenbart er sich in einer Weise, wie es ihm in der bloßen Mitteilung nicht möglich ist.

"Das Mitteilungsbedürfnis ist auch nur ein verschleiertes sexuelles Begehren", schrieb er an Max Bruns. Scheerbart möchte von Bruns anerkannt und verlegt werden, daher öffnet er sich ihm mehr als den Freunden, aber auch weil Bruns dies ihm abverlangte. Nachdem Scheerbart Bruns als Verleger gewonnen hatte, zog er sich wieder sehr schnell in sein Schneckenhaus zurück. Nur einer einzigen Person gewährte er wirklichen Einblick in sein Inneres: Rosa Gerlach, eine Jugendliebe aus Danzig. Nach deren Heirat 1887 verlor sich der Kontakt, der 1904, während Rosa Gerlach sich in einer Ehekrise befand, wieder aufgenommen wurde. Es entwickelte sich ein stürmischer Briefwechsel (wenigstens von Scheerbarts Seite aus), der schließlich zu Scheidungs- und Heiratsplänen führte. In diesen Briefen spiegelt sich der ganze Kampf einer Epoche wider: der Kampf mit der Sexualität, die verquälte Angst vor dem Weiblichen, vor dem Anderen schlechthin. Er wirbt um Rosa Gerlach mit seiner Schreibpotenz, möchte sie durch sein Schreiben verliebt machen. "Aber ich will doch nicht, daß Sie sich in mich verlieben", schreibt er noch im ersten Brief am 11. Oktober 1904. Im dritten Brief ist sie ihm schon die "ewig ersehnte Heimat". Gleichzeitig fürchtet er sich vor einer Liebesbeziehung, vor Leidenschaften, die ihm gefährlich werden könnten. So verwandelt er die begehrte Frau, Rosa Gerlach, in eine ungefährliche "Zwillingsschwester". Von seiner Ehefrau Anna, die Bescheid weiß und in einem Brief sogar einen herzlichen Gruß mitanfügt, wünscht sich Scheerbart: "Sei meine Mutter, ich kann nicht mehr anders. Und er hat mich gestreichelt und getröstet – und hat mir versprochen, uns Mutter zu sein." (16. November 1904).