Man wird über das "er" stolpern. Scheerbart nannte seine Ehefrau, oder besser seine Haushälterin und Zimmerwirtin, die er nach neun Jahren Aufopferung aus Dankbarkeit, wie er behauptete, ehelichte, niemals anders als "der Bär". Die "Liebes- und Schmollbriefe" an seine Ehefrau Anna sind – da schon an anderer Stelle veröffentlicht – in dieser Ausgabe nicht enthalten. Aber dort finden sich auch nicht mehr als kurze Sätze, in denen er wieder einmal um Verzeihung oder ein "Zehnerl" für ein Bier bittet. Wenn man mehr über sein Verhältnis zu seiner Ehefrau wissen möchte und auch, wie er sich selbst sah, nimmt man besser den Roman "Tarub, Bagdads berühmte Köchin" zur Hand, der kürzlich in dem kleinen, engagierten Paderborner Igel Verlag in schöner Ausgabe erschienen ist.

Die Heiratspläne mit Rosa Gerlach scheiterten. Sie kehrte zu ihrem Ehegatten zurück. Und was schreibt Scheerbart seinen Freunden über diesen Verlust? "Na? Warum lacht ihr wieder..." Scheerbart lacht über seine Niederlage, nimmt es als Scherz des Schicksals. Es ist das Gelächter eines Melancholikers, der weiß, daß er die ersehnte Heimat in dieser Welt, die ihm zu klein ist, niemals erlangen wird. Seine Heimat liegt in den Sternen; in Welten und Kometensystemen, die erst noch erschaffen werden müssen und die er, Scheerbart, der Weltenbaumeister, ersinnen und beschreiben wird – am Ort Utopia.

Er schrieb "Lesabéndio – einen Asteroidenroman", der Walter Benjamin nicht mehr loslassen wird, denn dort sah Benjamin etwas vollständig Neues verwirklicht – eine Literatur, die bisher noch nie Gedachtes zu denken wagt. Mit Alfred Kubin, der diesen Roman illustrieren sollte, führte Scheerbart einen regen Austausch. Er entwarf neue Welten und eine neue Architektur – die "Glashausarchitektur" – und wurde dadurch für eine Gruppe junger Architekten wie Adolf Behne und vor allem Bruno Taut, die beide wie auch Scharoun und Gropius der "Gläsernen Kette" angehörten, zum Schutzheiligen.

Für die Werkbundausstellung 1914 in Köln ließ Bruno Taut einen Glaspavillon errichten, den er ausdrücklich Paul Scheerbart widmete und nach seinen Vorstellungen gebaut hatte. Eine luftig leichte Baukunst ersann Scheerbart: Städte, die schwimmen oder sich fortbewegen konnten, in denen das Licht zum schöpferischen Moment werden sollte – nicht jedoch das kalte Licht der darauffolgenden "Neuen Sachlichkeit", sondern ein warmes, kristallines Licht, das durch Doppelverglasung und farbige Scheiben sakralen Charakter erhalten sollte. Utopische Entwürfe also, die immer noch faszinieren, auch wenn Scheerbart als unbekümmerter Dilettant darüber schrieb.

Scheerbart zog sich nicht nur aus dieser Welt zurück, er zog auch aus dem Berliner Zentrum hinaus nach Lichterfelde und war fortan nur noch bei "Papa Hoffmann" am S-Bahnhof Botanischer Garten beim Bier anzutreffen. Als entschiedener Antimilitarist schrieb er eine begeisternd-satirische Flugschrift über den kommenden Luftmilitarismus in dem Glauben, daß man den durch die Vermehrung seiner Schrecken abschaffen könnte. Mit Leidenschaft kümmerte er sich um sein letztes Projekt, die Erfindung des Perpetuum mobiles, das "perpeh", wie er es zärtlich nannte. Wenn man den Briefen an Ernst Rowohlt glaubt (in dessen Verlag 1910 darüber ein schmales Büchlein erschien), betrieb er diese Verrücktheit, diese technische Unmöglichkeit wie immer mit aller Ernsthaftigkeit und Überzeugung. Man erkennt die Idee, die sich dahinter verbirgt; ein Objekt, eine Maschine zu schaffen, die vollkommen, rein und in sich geschlossen ist – die sich niemals verausgabt. Und gleichzeitig erhält man den Eindruck, daß Scheerbart sich mehr und mehr verausgabt – ausbrennt. Seine Briefe werden kürzer, hastiger, immer neue Projekte werden in Angriff genommen.

Der Erste Weltkrieg brach aus. Scheerbarts als Alptraum erdachter Luftmilitarismus wurde grausame Realität. An Herwarth Walden schrieb er, seine Schrift sei "nebenbei veraltet", mehr nicht. Die Zeit hatte ihn überholt. Am 15. Oktober 1915 starb er in der Marschnerstraße 15. Typisch für Scheerbart. Denn die Fünf war neben der Sieben seine heilige Zahl. Walter Mehring kolportierte die Legende, die sich bis heute behauptet hat, daß Scheerbart sich aus Protest gegen den Krieg zu Tode gehungert habe. Mühsam drückte es prosaischer aus, indem "der Paul in seinem Leben nämlich immer mehr getrunken als gegessen habe". Und doch ist Scheerbart, der längst zu seinem eigenen Kunstobjekt geworden war – ein Urahn der Konzeptkunst auch verhungert, verhungert am Mangel greifbarer Utopien.

Die Glashausarchitektur, die als Katastrophenarchitektur Bomben und Brand überstehen sollte, lag am Ende in Scherben. Und Europa in Trümmern.