BERLIN. – Das Haus der Gemeinde Zum Heiligen Kreuz in der Kreuzberger Nostitzstraße ist ein geräumiges Gebäude. Platz genug wäre schon, darin zu wohnen. "Gegenwärtige Adresse: Nostitzstraße 6" steht denn auch in Manfred Lehmanns Personalausweis. Doch der 49jährige Mann wohnt dort nicht wirklich.

Manfred Lehmann ist obdachlos. Wenn er überhaupt einen Wohnsitz hat, dann sind es die öffentlichen Toiletten. Aber "Männerklo gleich neben dem U-Bahnhof rechts" ist keine brauchbare Anschrift. Da kommt keine Post an, und das akzeptiert kein Beamter der Meldebehörde als Adresse. Weil Manfred Lehmanns echter Wohnsitz keiner ist, hatte er monatelang einen falschen. Joachim Ritzkowsky, Pastor der Kirche Zum Heiligen Kreuz, hatte den Obdachlosen kurzerhand im Gemeindehaus angemeldet. Doch welcher Computer oder welcher Mensch auch immer der Behörde einen Tip gab: Der barmherzige Schwindel flog auf. Das Einwohneramt löschte Manfred Lehmanns polizeiliche Anmeldung, und Pastor Ritzkowsky soll nun ein Bußgeld zahlen. 129 Mark für "Zuwiderhandlung gegen das Meldegesetz". Der Pastor habe "wissentlich" ein Anmeldeformular unterschrieben, obwohl der "Zuzug" nicht erfolgte, lautet der Vorwurf.

Zum ersten Mal ahnden die Berliner Behörden damit eine Praxis, aus der etliche Kirchengemeinden nie einen Hehl gemacht haben: Mit einer Unterschrift auf dem Meldeformular verhelfen sie Wohnungslosen und Flüchtlingen zu einer ordentlichen Meldeadresse und damit meist auch zu einem Personalausweis. Auch Pastoren der Heilig-Kreuz-Gemeinde haben das getan. Wie häufig, darüber möchte man lieber keine Angaben machen. Bei Manfred Lehmann jedenfalls konnte Joachim Ritzkowsky nicht nein sagen.

Der wohnungslose Mann habe ausgesehen, "das können Sie sich gar nicht vorstellen". Monatelang hatte der 49jährige mit einigen Leidensgenossen in einer nahe gelegenen Toilette gehaust. Die Beine waren dick geschwollen, die Kleider voller Ungeziefer. Mehrfach war Lehmann überfallen worden, und er war blutüberströmt, als Ritzkowsky ihn entdeckte. Gemeindemitglieder brachten dem Obdachlosen etwas zu Essen. Der Pastor lud ihn in die Wärmestube ein, schleppte ihn zum Entlausen und durchbrach mit der Unterschrift unter dem Meldeformular für Manfred Lehmann einen Teufelskreis: ohne polizeiliche Anmeldung kein Ausweis; ohne Ausweis Ärger mit den Behörden; ohne Behörde keine Sozialhilfe. Manfred Lehmann hatte zuvor stets nur die paar Groschen in der Tasche, die er sich gerade zusammengeschnorrt hatte. Auch als Obdachloser hätte er zwar einen Anspruch auf Sozialhilfe gehabt. Doch dazu hätte er erst einmal herausfinden müssen, daß das Amt im übernächsten Nachbarbezirk – streng aufgeteilt nach Geburtsdatum – für ihn zuständig ist. "Aber wie sollte er das schaffen?" fragt Joachim Ritzkowsky. "Die Leute packen das einfach nicht. Einige kriegen ja nicht einmal mehr ihre Hosen hoch. Die trauen sich in kein Amt mehr rein."

Mit der polizeilichen Anmeldung und dem neuen Ausweis in der Hand traute sich Manfred Lehmann. Er bekam Sozialhilfe und hat auch endlich einen Krankenschein für die dringend nötige ärztliche Behandlung. "Er ist deutlich verändert", sagt Pastor Ritzkowsky über seinen Pflegling. Doch jetzt hat ihn die Meldebehörde von Amts wegen abgemeldet. Wenn alles streng nach Recht und Gesetz ginge, müßte das Kreuzberger Sozialamt nicht mehr für ihn aufkommen. Denn offiziell wohnt Manfred Lehmann nicht mehr im Bezirk, er wohnt wieder nirgendwo. Doch in diesem Fall hat er Glück. Kreuzbergs Sozialstadträtin Ingeborg Junge-Reyer sichert Hilfe zu: "Wir zahlen selbstverständlich weiter." Herr Lehmann habe schließlich seinen Lebensmittelpunkt im Bezirk. Die Anmeldeaktion des Pastors findet bei der Stadträtin "volle Unterstützung".

Auch Joachim Ritzkowsky und etliche seiner Kollegen werden, trotz Bußgeld und Strafandrohung, weiter helfen. Unbürokratisch und knapp am Gesetz vorbei: "Und das", sagt der Pastor, "machen wir auch öffentlich. Wir wissen genau, daß wir was riskieren." Vera Gaserow