Von Michael Bialdyga

Bundesweite Anerkennung, Respekt vor der Leistung der Aktion Sorgenkind auch im Ausland, vorliegende Anträge aus dem Bereich der freigemeinnützigen Behinderteneinrichtungen und Elternvereinigungen auf Förderung in Höhe von 130 Millionen Mark für integrative Kindergärten, ambulante Dienste, Werkstättenausbauten ... das Geld fehlt. Ist das alles ein gewaltiger Irrtum oder gar Selbstzweck?

Ein klares Nein. Die Aktion Sorgenkind ist ein Synonym für Hilfe, für mehr Miteinander, für Autonomie Hunderttausender Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Und daher ist auch die Aussage von Ernst Klee, die Aktion Sorgenkind habe Behinderten mehr Schaden als Nutzen gebracht, ein Fehlurteil.

Jeder sensible Mensch trägt in sich die Vorstellung eines Ideals, die Vorstellung vom Land "Immerhilf" oder "Altruisia". Dort herrscht Harmonie zwischen behinderten und nichtbehinderten Bewohnern. Ein bedeutender Teil des Bruttosozialproduktes wird generell für die Förderung behinderter Menschen zur Verfügung gestellt. Die Gesellschaft ist gut. Sie denkt immer an die anderen. In jeder Zeitung dieses Landes erscheinen in der Rubrik "Einander verstehen" täglich Berichte über beispielhafte Förderprojekte. Magazine der Fernsehsender berichten respektvoll über die Andersartigkeit von Menschen mit Behinderungen. Integration ist erreicht, denn Freude und Dankbarkeit, Kummer und Sorgen können unabhängig davon ausgedrückt werden, ob die Bewohner und ihre Gesprächspartner Menschen mit oder ohne Behinderung sind.

O schönes Immerhilf, dort, in der Nähe von Utopia. Noch weit ist der Weg bis zu diesem Ideal. Sarah ist fünf und Autistin. Eine schwere Behinderung, die man dem Mädchen nicht ansieht. Einmal pro Woche fährt sie mit ihrer Mutter zur Therapie ins Hamburger Autismus-Institut. Unter Anleitung eines Psychologen lernt sie dort, ihre Isolation zu durchbrechen und nach und nach Beziehungen zur Umwelt aufzunehmen. Die Erfolge stellen sich nur langsam ein, und ständig gibt es wieder Rückschläge.

In Sarahs Alltag muß alles in geregelten Bahnen verlaufen: Kommt der Bus, der sie in den Sonderkindergarten fahren soll, ein paar Minuten zu spät, schreit und tobt sie. Verfährt sich der Vater mit dem Auto und dreht um, brüllt sie eine Viertelstunde ununterbrochen. Noch lebt Sarah in einer heilen Welt, geliebt und verwöhnt von Eltern, Oma und Geschwistern. Aber was ist, wenn die Eltern nicht mehr sind? Dann müßte sie in eine therapeutische Wohngruppe, wo sie beschäftigt und vor vielen Reizungen der Umwelt beschützt wird. In Deutschland gibt es aber nur knapp hundert Plätze, der Bedarf ist nicht einmal zu einem Prozent gedeckt.

Darum gibt es die Aktion Sorgenkind, und es wird sie auch in Zukunft geben. Zwar erscheint der Name vielen Behinderten – vor allem aus der "Krüppelszene" – unerträglich. Die Namensänderung vor neun Jahren in "Deutsche Behindertenhilfe Aktion Sorgenkind" wurde von der öffentlichen Wahrnehmung einfach ignoriert. Aber von "Sorgenkindern" sprechen wir schon lange nicht mehr. Journalisten verwenden leider immer noch diesen arrogant-vemiedlichenden Ausdruck, was wir sehr bedauern.