DIE ZWEI KULTUREN

Die Öffentlichkeit verfährt mit der Wissenschaft gerne nach Wildwestart: erst schießen, dann fragen. Ein entscheidungsfreudiger Bundesgesundheitssheriff macht es vor: "Give them a fair trial and hang them" ("Mach ihnen einen fairen Prozeß, und häng sie auf"). Das Urteil steht schon fest, der Täter auch, es fehlt nur noch die Leiche. Dafür sorgt zuverlässig die Boulevardgazette. Der Ablauf ist gut eingespielt: Sofortentrüstung in den Feuilletons; Tatsachenanalysen folgen, wenn überhaupt, später im Wissenschaftsteil, wo wenige sie zur Kenntnis nehmen.

Die letzten Wochen haben serienweise Beispiele beschert. Ob es dabei um kunstvoll geschürte Erregung über die Verwendung von Menschenleichen zur Entwicklung von Fahrzeugen ging, in denen Unfälle zu weniger Todesfällen und Schwerverletzungen führen; oder um die lebensrettende Transplantation von Organen Verstorbener, wenn diese dem nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben; oder um die Vermehrung von Genen aus dem Erbgut von Menschen in Mikroorganismen, Pflanzen oder Tieren – denn es gibt keine "menschlichen Gene", die Mehrzahl unserer Gene stimmt mit denen zahlloser Organismen überein: Immer wieder enthüllt sich nicht etwa, wie oft vermeint, eine generell wissenschaftsfeindliche, sondern vielmehr eine erstaunlich engstirnige lebensfremde Tendenz bei der Betrachtung bioethischer Probleme, im Wortsinn fremd gegenüber dem, was Menschenleben eigentlich ausmacht.

Daß wissenschaftliche Forschung diese Probleme keineswegs erst erzeugt, sondern daß sie uns diese nur deutlicher erkennbar macht, wird vor allem an der bei uns teilweise absurden Diskussion über das angeblich von Wissenschaftlern ersehnte "Klonieren von Menschen" erkennbar. Daß amerikanische Reproduktionsärzte – nach pflichtgemäßer Konsultation mit der zuständigen Ethikkommission und unter Beachtung des in den USA geltenden Rechts – zeigten, daß sich in frühesten Entwicklungsstadien geteilte menschliche Embryonen weiterentwickeln, war nicht besonders überraschend und wissenschaftlich bestimmt keine Sensation (und deshalb wohl auch kaum durch zügellose Forscherneugier motiviert). Überraschend war hingegen der Umgang mit diesem Befund in unserer Öffentlichkeit. Der Hinweis, daß bei uns das Gesetz einen solchen Versuch verbietet, war der aufwallenden Entrüstung nicht genug; auch ein Überbietungswettbewerb in Abscheuerklärungen reichte nicht aus; es durfte das Bekenntnis nicht fehlen, daß weltweit zu ächten sei, was in Deutschland verboten ist, denn bekanntlich wartet die Welt auf nichts sehnlicher als auf moralische Unterweisungen durch Deutsche.

Da blieb freilich wenig Raum mitzuteilen, daß der Versuch an Embryonen stattfand, die aufgrund von Befruchtungsstörungen sowieso abgestorben wären. Vor lauter morbider Begeisterung über geklonte Ersatzteillager und Serienmenschen konnte selbstverständlich auch nicht vermittelt werden, daß eine Gesellschaft, die In-Vitro-Befruchtung und Embryonentransfer zur Behandlung von Unfruchtbarkeit ebenso akzeptiert wie Abtreibung aufgrund embryopathischer Indikation, durchaus zu prüfen hat, ob Embryonenteilung, die sicherer zu einem gesunden Baby führt, tatsächlich ethisch so abgrundtief indiskutabel ist, wie es der unbedingte deutsche Moralreflex erfordert. Statt der Schlagzeilenargumentalion gegen "Menschenklonung" hätte dies ein Musterfall für konsistente bioethische Reflexion sein können. Schließlich hat sich ja auch noch niemand daran zu Tode gewidert, daß mitten unter uns wohl an die zwanzig Millionen von der Natur "geklonte" Menschen als eineiige Mehrlinge leben.

Der Hauptgrund dafür, daß die Erörterung solcher in der Tat höchst diskussionsbedürftiger schwieriger Fragen bei uns so leicht in eifernde Entrüstungskampagnen gegen Prof. Dr. Frankenstein und sein Gefolge entartet, liegt meines Erachtens in einem geradezu erschreckenden moralischen Materialismus, der freilich eine lange Tradition hat. Wer den Unterschied zwischen einer befruchteten Eizelle und einer mit bewußtem Denkvermögen ausgestatteten menschlichen Person für die Zuerkennung von Menschenrechten als belanglos ansieht, der wird tatsächlich am Ende folgerichtig auch einer Kette von Nukleotiden – wenn sie nur aus einer Menschenzelle stammt – menschliche Qualitäten zuerkennen. Für solches Denken hat das Humanum offenkundig jede metaphysische Qualität verloren, selbst wenn dabei das Wort "Seele" noch so oft und mit Unsterblichkeit garniert verwendet wird.

Diesem Moralmaterialismus kommt es offenbar nur noch auf die chemische Substanzbeschaffenheit des Menschen an: Ist es Menschenstoff – als Embryonenzelle oder als Leiche, als Nucleinsäure oder als Gewebekultur –, dann ist es Mensch mit allen Konsequenzen. Man kann darüber jedoch mit guten Gründen auch durchaus anders denken. Man kann sehr wohl bei aller Achtung dessen, was vom Menschen kommt und was zum Menschen werden kann, eine Achtung, die auch jeden kommerziellen Handel mit Menschenteilen unannehmbar machen sollte, daran festhalten, daß als "Mensch" nur ein lebendiger Organisationszustand des "Menschenstoffes" betrachtet werden sollte, der zu menschlichem Verhalten, menschlichem Geist und menschlichem Empfindungsvermögen befähigt ist.

Sollten am Ende wir angeblich so materialistischen Biologen die letzten sein, die daran glauben, daß es die menschliche Seele gibt und daß diese mehr ist als der Materiezustand, in dem sie sich entfaltet, selbst wenn wir sie nicht ins Jenseits schweben sehen?