Von Roland Kirbach

Die Siedlung Mühltal in Wiesbaden ist für Ortsfremde nicht leicht zu finden. Isoliert von den anderen Wohngebieten stehen eingezwängt zwischen Bahngleisen, Industrieanlagen, einer Autobahn, einer Mülldeponie und dem städtischen Klärwerk sechs langgestreckte Häuserblocks. Die versteckte Lage war ursprünglich auch gewollt: Mehr als hundert Jahre war das Mühltal für viele Menschen die Endstation des sozialen Abstiegs. Hierhin, an den Rand der Stadt, wurden Wiesbadens "Asoziale", wie man früher sagte, abgeschoben: Obdachlose, Arbeitslose, Alkoholiker und andere Gestrandete.

Die Siedlung mit ihren feuchten und völlig überbelegten Wohnräumen bildete einen hervorragenden Nährboden für alle Arten von Kriminalität. Wer hier geboren wurde, dessen Lebensweg war vorgezeichnet. Immer wieder klagte die Lokalpresse über die "rohen und verwahrlosten Kinder" vom Mühltal. "Sucht ein Erwachsener ihnen zu wehren, so laufen sie davon, um ihn aus einiger Entfernung mit frechem Gelächter zu verhöhnen", schrieb das Wiesbadener Tageblatt im November 1897. "Die Mädchen sind dabei nicht besser wie die Buben, und ihre Ausdrücke und ihr Gebaren zeugen von einer Verworfenheit, wie man sie sonst nur bei gewerbsmäßigen Dirnen findet." Bis vor wenigen Jahren hatte sich an diesen Zuständen nichts geändert. "Tal der tausend Messer" pflegten die Wiesbadener das Mühltal zu nennen. Doch das ist vorbei.

Man sieht es schon am äußeren Erscheinungsbild der Häuser. Die Fassaden sind neu verputzt und begrünt; jede Wohnung hat jetzt Zentralheizung und einen Balkon; um die Häuser wurden weitläufige Rasen, adrette Vorgärten und ein Kinderspielplatz angelegt. Es herrscht Dorfatmosphäre. Jeder kennt jeden. Und Gäste sind hier inzwischen gern gesehen. Die Bewohner schämen sich ihrer Siedlung nicht mehr, sondern zeigen sie nun mit Stolz jedem Besucher. Denn ihre Häuser haben die Mühltaler selbst saniert.

Begonnen hat alles 1972 mit einem Gesellschaftsvertrag, den die katholische und die evangelische Kirche zusammen mit der Stadt Wiesbaden geschlossen haben. Er regelte die soziale Arbeit in der Obdachlosensiedlung; so etwas gab es dort bis dahin nicht. Direkt nebenan wurde das "Gemeinschaftszentrum Mühltal" gebaut, das heute der Caritasverband unterhält und das eine Gesundheits- und Sozialbetreuung der Bewohner gewährleistet. Dort sind unter anderem ein ambulanter Pflegedienst, eine Kindertagesstätte und eine öffentliche Kantine untergebracht.

Anfang der achtziger Jahre beschloß die Stadt, die Siedlung von Grund auf zu sanieren. Die Wohnblocks, die in den sechziger Jahren errichtet wurden – zuvor standen dort Holzbaracken waren von primitivster Machart. So hatte die Stadt zum Beispiel vorgeschrieben, daß die Außenwände aus unverputztem Kalksandstein zu sein haben. Die Baufirma hatte noch darauf hingewiesen, daß diese Bauweise zu einer "Durchfeuchtung" der Wohnungen führen werde, die sich "nachteilig auf die Gesundheit der Bewohner auswirken" werde, und bat, "gewisse Mindestgrenzen" selbst bei diesen Notquartieren einzuhalten. Doch der Magistrat beschloß, davon unbeeindruckt, die Primitivbauweise.

Die Sanierung sollte nicht nur die Wohnverhältnisse der Menschen verbessern, sondern zugleich die hohe Arbeitslosigkeit in der Siedlung verringern helfen. Dazu wurde 1984 die "Sanierungswerkstatt" gegründet, wo erwerbslose Jugendliche und Erwachsene handwerklich beschäftigt und qualifiziert werden. Zwei hauptamtliche "Anleiter" unterweisen im Schnitt ein Dutzend Arbeitslose, deren Stellen als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) nach dem Arbeitsförderungsgesetz oder als gemeinnützige Arbeit nach dem Bundessozialhilfegesetz finanziert werden. Um die Menschen später in Ausbildungsplätze oder in den Arbeitsmarkt vermitteln zu können, wird die Zusammenarbeit mit Betrieben gesucht. Firmen, die sich um Sanierungsaufträge bewarben, erhielten deshalb nur dann den Zuschlag, wenn sie sich bereit erklärten, mit den Leuten aus der Sanierungswerkstatt zusammenzuarbeiten.