Da das reale Jahresende diesmal schon vom 1. Dezember auf den 15. November vorverlegt worden ist und wir seit längerem in einem toten Punkt von erheblicher Ausdehnung auf der Zeitachse leben, ist dies vielleicht der geeignete Moment, ein paar umstrittene, heiße Themen zu erörtern, die hier sonst nie erörtert werden. Geeignet deshalb, weil wir bis zum 1. Januar 1994 mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eigentlich gar nicht mehr rechnen. Da es das Jahr 1993 schon nicht mehr gibt, glauben wir auch nicht mehr daran, daß es Sie noch gibt, außer in den Einkaufspassagen und Warenhäusern, wo Sie der Rezession trotzen, schwitzen – und gelegentlich uns begegnen, den schwitzenden Autorinnen und Autoren dieser Zeitung. Die all die Artikel, die hier auf gespenstische Weise erscheinen und die Sie nicht lesen, folgerichtig auch gar nicht geschrieben haben können. Das Thema der ersten leserlosen Glosse dieser Zeitung ist: wilder, zügelloser Gruppensex.

Die Zahl der offenen und ungeschminkten Einladungen zu wildem, zügellosem Gruppensex, die der Autor Zeit seines Lebens erhalten hat, geht stark gegen null. Sie geht so stark gegen null, daß sie von null eigentlich kaum noch zu unterscheiden ist, obwohl ein kleiner Rest bleibt, und zwar weil der Autor nicht weiß, ob er nicht schon zahlreiche heimliche Einladungen zu wildem, zügellosem Gruppensex erhalten, sie aber bloß nicht verstanden hat. Vielleicht hat er schon ein- bis zweihundert wilde, ungezügelte Gruppensexorgien verpaßt! Ganz sicher läßt sich sagen: Die Zahl seiner möglicherweise verpaßten wilden, ungezügelten Gruppensexorgien geht gegen unendlich.

Auch jetzt, liebe abwesende Leserin, lieber in der Jahresendzeitschleife verschollener Leser, in dieser Sekunde sind irgendwo auf der Welt Menschen, die von Weihnachten und den damit verbundenen Einkaufspflichten nichts ahnen, gruppensexuell aktiv. Das kann man sich natürlich nur schwer vorstellen, am allerschwersten in einer bis zum kollektiven Erstickungstod überfüllten Einkaufspassage, mit zwei Einkaufstüten in jeder Hand und noch vielen Geschenken im Kopf, die man längst hätte besorgen müssen. Während man sich nichts dringender wünscht, als von der Gegenwart seiner schlechtgelaunten, glücklicherweise bekleideten Mitmenschen befreit zu werden. Und gleichzeitig dem wilden, ungezügelten Gruppenkaufrausch doch nicht entkommen kann.

Vielleicht gehört das auf geheimnisvolle Weise zusammen und läßt sich verschmelzen, der Gruppenkaufrausch und der Gruppensex zum Gruppensexkaufrausch. Der Autor kommt darauf, weil er neulich auf RTL zwei Sendungen des Playboy-Konzerns gesehen hat, "Eden" und "Playboy’s Late Night". Die Message der beiden Sendungen war, daß Sex ganz toll und lustig ist und daß alle Menschen, die mit Sex zu tun haben, ganz genauso sind wie die, die uns täglich in der Werbung begegnen (also jung, keim-, pickel- und faltenfrei). Und daß man zum richtigen Deo bloß noch die richtigen Strapse und Pornofilme braucht, um sich, wenn man schon nicht so aussieht, wenigstens so schön zu fühlen wie die fröhlichen Damen und Herren auf dem Bildschirm.

Schon auf dem Weg, seine Idee zu Geld zu machen und die entsprechenden Unternehmen und Geschäfte zu gründen (vielleicht auch ein paar, in denen man junge, schöne Menschen kaufen kann), fällt dem Autor gerade noch rechtzeitig ein, daß es das alles schon lange gibt, daß es "Sexindustrie" heißt und Umsatz macht wie die Einkaufspassagen zur Weihnachtszeit.

In diesem Augenblick setzt lautes, donnerndes Kirchenglockenläuten ein und läßt unseren Autor vergessen, wie er überhaupt auf die Idee zu diesem Text gekommen ist. Egal. Es gibt ihn ja nicht. Den Text nicht und die Leser nicht. Nur Weihnachten, wildes, zügelloses Weihnachten.

Robin Detje