GÖTTINGEN. – "Staatsangehörigkeit? Eigentlich Sachse. Kinder? Nicht, daß ich wüßte..." Prozeßauftakt vor dem Landgericht. Auf der Anklagebank sitzt ein kleiner, beleibter Mann mit grauem Vollbart und schütterem Haupthaar. Obwohl er mit 55 nicht mehr der Jüngste ist, trägt der Mann helle Jeans. Obwohl es draußen bitterkalt ist, hat er Sandalen an. Ein roter Schlips prangt auf dem blauen Hemd, eine beigefarbene Jacke umspielt den Bauch.

Dem Mann gegenüber hat ein etwa gleichaltriger Herr in unauffälligem Anzug Platz genommen. "Guten Morgen, Herr Professor Doktor ,Hampelmann‘", begrüßt ihn der Angeklagte.

Bei dem Herrn im Anzug handelt es sich um den Direktor des Landeskrankenhauses Göttingen; bei dem Angeklagten um den Frührentner Rolf B. Der Direktor hat die Aufgabe, den Angeklagten zu beobachten, um am Ende ein psychiatrisches Gutachten vorlegen zu können. Denn die Straftaten, die Rolf B. zur Last gelegt werden, lassen an seinem Geisteszustand zweifeln. Seit fast dreißig Jahren führt der gelernte Schlosser aus Markkleeberg bei Leipzig einen erbitterten Kampf gegen Amtsträger aller Art: Er beschimpft sie, beleidigt sie, schlägt auf sie ein.

B., in der lokalen Presse längst als "Behördenschreck" ein Begriff, erregte erstmals öffentliches Aufsehen, als er sich bei einer Verhandlung vor dem Amtsgericht Düsseldorf auf den Richter stürzte – und ihm einen kleinen Finger abbiß.

Wie alles angefangen hat, weiß nicht einmal B.’s Anwalt genau zu sagen. Glaubt man dem Angeklagten, war es ein Unfall, der ihn aus der Bahn geworfen hat. B., der noch kurz vor dem Mauerbau aus der DDR übersiedelte, war 1964 mit seinem Auto, einem NSU, mitten auf der Straße stehengeblieben; der Tank war leer, B. hatte testen wollen, wie weit der Sprit reicht. Ein VW-Bus der Bundesbahndirektion fuhr auf. Durch den Aufprall wurde B.’s Auto mehrere Meter durch die Luft geschleudert. Der NSU war Schrott. Rolf B. erlitt Verletzungen an der Wirbelsäule, die ihm angeblich noch heute zu schaffen machen.

Weil dem Schlosser aber eine Mitschuld zugesprochen wurde, erhielt er bei weitem nicht die Entschädigung, die er verlangt hatte: Statt der geforderten 100 000 Mark erkannte ihm das Gericht nur 5000 Mark zu. B.’s Konsequenz: Um sich bei der Bundesbahn selbst Gerechtigkeit zu verschaffen, fuhr er fortan schwarz – ausnahmslos. Die wiederholte "Beförderungserschleichung" brachte ihm mehrere Anzeigen sowie die vorübergehende Einweisung in eine psychiatrische Klinik ein und trieb ihn immer tiefer in den Konflikt mit Repräsentanten der öffentlichen Ordnung. Der Kreis seiner vermeintlichen Widersacher (und damit Opfer) wuchs von Monat zu Monat. Ob Gemeinde- oder Kreisverwaltung, Gesundheitsamt oder Polizei – weil ihm seiner Meinung nach nirgendwo Gerechtigkeit zuteil wurde, sah sich der gebürtige Sachse berechtigt, zurückzuschlagen.

"Lügner, Betrüger, Fälscher!" rief B. einem Gemeindeangestellten hinterher. Einem Medizinaldirektor hielt er vor, schwul zu sein und unter Drogeneinfluß zu stehen, einen anderen Arzt beschimpfte er als "Metzger". Als "Plünderer Deutschlands" bezeichnete er einen Landrat, und einen Richter forderte er in einem Brief auf, sich zu seiner eigenen Einäscherung im Krematorium einzufinden. Überhaupt die Justiz: "Karnevalsverein", "Gesindel" und "Berufsverbrecher" nannte er die Richterschaft. Und der Frührentner verließ sich nicht allein auf die Schlagkraft seiner Worte. Mit Messer, Schlagstock und Tränengas gerüstet, zog er in den Gerichtssaal ein und mußte vor Prozeßbeginn erst entwaffnet werden.