Guter Rat in Führungsfragen ist gerade in Krisenzeiten teuer. Doch vielleicht haben sich Topmanager und Unternehmer bislang Hilfe in der völlig falschen Ecke gesucht. Glaubt man Marie Muzard, Kommunikationsberaterin bei der renommierten Consultinggruppe Francom in Paris, dann können sich die Chefs künftig Anfragen bei Soziologen oder Psychologen sparen. Viel einfacher wäre es, so die forsche Französin, wenn sich die ratlosen Bosse gleich bei denjenigen erkundigen würden, die das Machtspiel in seiner ursprünglichen Form studieren: den Primatologen.

Diese Wissenschaftler, die das Verhalten der Affen, unserer nächsten Verwandten im Tierreich, beobachten, haben nämlich längst erkannt, wo Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Führungsstile liegen. Und folgt man Madame Muzard, dann hat sich in der jahrtausendelangen Entwicklung des Menschen wenig an der "Ethnologie der Macht" geändert – ob sie nun in der (Affen-)Horde oder in einem modernen Konzern ausgeübt wird. In ihrem in Paris erschienenen Buch "Ces grands singes qui nous dirigent" (Die großen Affen, die uns führen) deckt sie die uralten Führungsprinzipien der mächtigen Manipulateure schonungslos auf.

Ob bei den Affen oder den Menschen, die Chefs können in drei Klassen unterteilt werden: Gorilla, Makake oder Schimpanse. Der erste Typ, seinem Wesen nach autokratisch bis leicht despotisch, steht häufig an der Spitze traditioneller Familienunternehmen. Er gilt als Archetyp des gallischen Patrons der vergangenen dreißig Jahre. Herausragende Beispiele solcher "Gorillas" sind etwa der kürzlich verstorbene Baumogul Francis Bouygues oder Antoine Riboud, allmächtiger Lenker des Lebensmittelmultis BSN – passende Beispiele ließen sich auch in Deutschland finden. Schon ihr Äußeres verrät ihre Position: eher groß und überwiegend wohlbeleibt. Sie pflegen offenen Kontakt mit ihren Untergebenen, erwarten aber zugleich deren völlige Ergebenheit.

Der "Makaken-Typ" hingegen, einsam und kalt, herrscht allein über zentralisierte, traditionelle Konzerne. Bernard Arnaud, Chef des weltgrößten Luxusimperiums LVMH etwa gehört nach Muzard zu diesem Typus. Anders als die Gorillas legen sie wenig Wert auf die Beliebtheit und geben sich kaum mit diesen ab. Sie achten auf Statussymbole und ziehen die Stränge lieber aus ihren überdimensionierten Chefbüros, statt in den Fabrikhallen Hände zu schütteln. Da sich die Makakenbosse wenig um das soziale Leben der Firmen kümmern, sind Streitereien im Hause an der Tagesordnung.

Der "Schimpansen-Typ" ist in seiner Führungskunst am weitesten entwickelt. Insbesondere bei schnell wachsenden, dezentralisierten Konzernen findet man den Schimpansen. Dazu gehören etwa Lindsay Owen-Jones, Chef des Kosmetikkonzerns L’Oreal, die Chefs von Hewlett-Packard oder der Supermarktkette Carrefour. Sie sind gesellig und auf den ersten Blick als Führer kaum von ihren Mitarbeitern zu unterscheiden; sie lenken hauptsächlich dank eines Netzes von Alliierten, mit denen sie sich während des sogenannten groomings anfreunden: Bei den Affen schaffen gegenseitige Toilette und Entlausung Nähe, bei den Menschen die persönliche Art der Begrüßung oder Betriebs- und Abschiedsfeiern.

Hätten die Managementgurus sich schon früher bei den Schimpansen umgeschaut, dann wären sie wohl schneller auf die jetzt als Erfolgsrezept verkaufte Profitcenter-Organisation gekommen. Die Schimpansen im Urwald gewähren ihren Hordenmitgliedern nämlich seit jeher ein gewisses Maß an Autonomie: "Die Kreativität einer wenig entwickelten Affenhorde gleicht der ihres Herrschers. Bei den Schimpansen setzt sie sich aus der Summe aller Mitglieder zusammen." Der Haken an dieser Form der Regentschaft zeigt sich allerdings auch schon in der Schimpansenhorde: Sie fördert die Bildung von Koalitionen, die den Chef auch schon aus seinem Sessel kippen können. ari