Dies müssen sie nun ertragen: daß sie immer öfter in einem Atemzug genannt werden – und gewiß nicht nur, weil es ihre Geburtsdaten so befehlen. Willy Brandt wäre am 18. Dezember 80 Jahre alt geworden. Helmut Schmidt feiert am 23. Dezember seinen 75. Geburtstag. Er wird es, dessen bin ich sicher, von Herzen gutheißen, daß der Vorsitzende, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands seine Gratulation mit dem Gedenken an den Vorgänger verbindet.

Die beiden gehören zusammen. Sie waren, sie sind – das ist keine Übertreibung – ein Segen für Deutschland und ein Glück für Europa. Sie bezeichnen Gipfelpunkte in der Geschichte unserer Partei. Sie stehen, gemeinsam mit dem unvergessenen Fritz Erler, auch mit Herbert Wehner, für eine Epoche, die man die klassische der Sozialdemokratie nennen könnte. Sie haben ein Erbe hinterlassen, von dem wir zehren, aber damit auch den Auftrag, ihr Werk immer von neuem produktiv werden zu lassen: in der Kontinuität, in der Wandlung, vor allem aber in unserem Willen zum politischen Erfolg und zur sozialen Tat.

Sie zählen zu jener Generation, die durch das Fiasko der ersten Republik, die nazistische Diktatur, den Krieg, das Opfer von Millionen Menschen, durch den Widerstand, aber auch durch die Erfahrung der Ohnmacht vor dem Staatsterror und seiner entsetzlichen Apparatur geprägt worden ist. Der eine, als blutjunger Mann zur Emigration gezwungen, wurde draußen zum Zeugen und Mithandelnden im Kampf um die Freiheit unseres Kontinentes und seiner Völker, die so viele Jahre durch die Gewalt der totalitären Macht-Maschinerien verloren zu sein schien. Der andere erlebte die Tragödie von drinnen, Soldat und Offizier, zugleich durch den Geist und die Herkunft seiner Familie zur Distanz vom nationalsozialistischen Regime bestimmt. Beides, das Drinnen und das Draußen, machten in der Summe das deutsche Geschick aus.

Schönrednerei schätzte keiner von ihnen, nicht Willy Brandt, nicht Helmut Schmidt. So muß nicht verschwiegen werden, daß ihre Beziehungen und ihre Zusammenarbeit nicht immer von heiterer Harmonie waren. Es gab Störungen, wie es im Verhältnis zweier so eigenwilliger Persönlichkeiten nicht anders sein konnte. Es gab Spannungen, wie sie unter begabten und damit auch schwierigen Menschen natürlich sind. Es gab Ärger, den sie nicht immer unterdrückten. Es gab Unterschiede im Urteil, die im Interesse der Wahrheit nicht übertüncht werden dürfen: Man erinnert sich, um nur dieses Beispiel zu nennen, klar genug an die Differenzen zwischen dem Bundeskanzler Schmidt und dem Parteivorsitzenden Brandt, als der "Doppelbeschluß" der Nato zur Raketenrüstung leidenschaftlich und manchmal mit bitterer Härte debattiert wurde. Man machte es sich zu einfach, wenn man die Verschiedenheit der Haltungen nur aus ihren Funktionen erklärte: Hüter der Staatsverantwortung der eine, Anwalt der Partei und ihrer ideellen Traditionen der andere. Beide Standpunkte waren legitim. Beide wirkten am Ende – aber dies ließ sich damals kaum erkennen – in merkwürdiger Dialektik zusammen, um einen entscheidenden Schritt zur Rüstungsbegrenzung, zur Reduktion der militärischen Präsenz der Sowjetunion in unserer unmittelbaren Nachbarschaft und damit schließlich die beginnende Selbstdemontage des kommunistischen Imperiums zu erzwingen.

Die Kooperation zwischen Willy Brandt und Helmut Schmidt – die vorsätzliche und die zwangsläufige, die freiwillige, auch die gelegentlich eher seufzend ertragene – verdiente wahrhaftig eine gründliche Studie. In ihr spiegelten sich zwei Temperamente, jedes unverwechselbar und scharf konturiert, die sich in ihrer Gegensätzlichkeit auf eine erstaunliche Weise ergänzten. Die raschen Formeln, mit denen man die beiden zu typisieren versuchte, waren freilich immer zu "griffig" und zu simpel, um der Wirklichkeit der Charaktere gerecht zu werden: hier der "Visionär" Willy Brandt und dort der "Pragmatiker" Helmut Schmidt.

Die Realität beider Persönlichkeiten war komplexer, nuancierter, reicher, als es die Klischees vorzeichnen. Es mag wohl sein, daß Willy Brandt eher geneigt war, seiner politischen Intuition zu vertrauen. Vielleicht war er auch schneller bereit, Details der politischen Entwicklungen einer "Gesamtschau" unterzuordnen. Womöglich fiel es ihm leichter, die Politik des Tages den großen Zielen zu unterwerfen, die er gesetzt hatte. Helmut Schmidt ließ die Richtpunkte aber sowenig aus dem Auge wie der Vorgänger.

Die zähe Konsequenz war beiden gemeinsam. Es entsprach der politischen Formung des Nachfolgers, sein Urteil aus einer scharf akzentuierten und rationalen Analyse zu bilden. Sein Stil war und ist – diese Beobachtung mag manchen überraschen – von einem intellektuellen Elan bestimmt, der in der Geschichte der deutschen Politik seit Walter Rathenau nur selten anzutreffen war. Dem widerspricht die kräftige Betonung des Praktisch-Notwendigen und die stets strenge Prüfung der "Machbarkeit" der Dinge nicht im geringsten. Ohne das Element einer stets hellwachen und scharfsinnigen Intellektualität wäre Helmut Schmidt nicht der brillante Parlamentarier geworden, der so vielen Debatten des Deutschen Bundestages einen rhetorischen Glanz und eine Geschliffenheit der Argumentation verlieh, die viele in unseren Tagen oft bitter vermissen.