Bonner Begriffe – abgeklopft und erläutert von Carl-Christian Kaiser (III)

Taschenascher, der; seinerzeit nahezu unentbehrliches Requisit aus den Bonner Anfängen. T. brauchte man, um sich auf Cocktailempfängen und ähnlichen feierlichen Zusammenkünften diskret von Zigaretten- oder Zigarrenresten zu befreien. Die Notwendigkeit, allzeit einen T. mit sich zu führen, entstand einerseits dadurch, daß bei den erwähnten Geselligkeiten regelmäßig viel zu viele Personen in viel zu kleine Räumlichkeiten eingeladen wurden und Aschenbecher deshalb selten in Reichweite waren, woran sich bis heute nichts geändert hat. Andererseits schreckten anfangs noch viele, vor allem Angehörige der alten Schule, davor zurück, die überfällige Asche in der Enge kurzerhand auf den Teppich zu schnippen.

Eine Lösung boten die T.: kleine, gelegentlich reich verzierte, aus gewöhnlichem Metall oder auch aus Edelmetall getriebene Behältnisse von der Größe eines Pillendöschens. Aufgeklappt in der Hand gehalten oder jeweils aus der Tasche geholt, waren sie bestens geeignet, die Asche wie auch die Kippen von zwei bis drei Zigaretten oder einer Zigarre unterzubringen. Besonders für Damen, die durch ihre Handtaschen zusätzlich beschwert waren, waren sie geradezu unverzichtbar. Im übrigen hilfreich für alle, die sich vor der Schwierigkeit sahen, gleichzeitig ein Cocktailglas und einen Teller mit Häppchen oder Petit fours zu balancieren, ohne dem Genuß des Rauchens entsagen zu wollen.

Zeichnen sich die Bonner Geselligkeiten, vom intimen Empfang bis zum großen Presseball, auch nach wie vor durch Überfüllung aus, so hat doch das Aschenproblem allmählich, besonders in der jüngsten Zeit, eine gewisse Entschärfung erfahren. Zum einen ist die Zahl der Raucher und Raucherinnen, ob aus Überzeugung oder durch Einschüchterung, merklich zurückgegangen – auch in Bonn kommt es in dieser Sache zu Glaubenskriegen, zu frischen Feindschaften und dem Bruch von Freundschaften, die wenigsten Politiker rauchen noch vor laufenden Fernsehkameras.

Zum anderen hat sich das Problem auch dadurch gemildert, daß die Geselligkeit an Intensität und Häufigkeit nachgelassen hat. Anders als in den frühen Jahren verfügen die meisten Bundesbonner längst über eine geräumige Wohnung, wenn nicht gar über ein eigenes Haus. Damit entfällt der Drang, statt in einem kärglichen Zuhause die Abende auf irgendeiner Geselligkeit zu verbringen. Außerdem können es sich die wenigsten Bundesbonner noch leisten, die abendlichen Fernsehnachrichten, Magazine o. ä. zu versäumen, wenn sie weiter mitreden wollen. Einsichtige oder fortschrittliche Gastgeber tolerieren es deshalb ohne weiteres, wenn zumindest zur "Tagesschau"-Zeit jede Konversation erstirbt und sich alle vor dem Fernsehapparat versammeln.

Heute führen nur noch Liebhaber der T.-Kultur ihre Preziose mit sich. Von einer Kultur und einer Preziose zu reden erscheint angebracht, sind doch nicht selten ganze Sammlungen von T. angelegt worden, deren Kostbarkeit entweder im Schmuckwert oder in der Person des ehemaligen Inhabers/der ehemaligen Inhaberin oder in beidem besteht. In jedem Fall aber zählt der T. zu den langsam verlorengehenden Zeugnissen aus der Frühzeit der Bonner Zivilisation.

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