Von Jürgen Schmude

BONN. – Nach dem Ende der DDR weiß man es besser. Besser als alle Menschen, die damals mit dem schnellen Ende dieses Staates nicht gerechnet haben. Wäre der Irrtum vorwerfbar, träfe der Vorwurf fast alle. Ist er es nicht, 50 ist Vorsicht geboten gegenüber dem Versuch, Verhaltensweisen zu verurteilen, die damals angemessen und sogar verdienstvoll erschienen.

Viele haben sich früher bemüht, die bestehenden Möglichkeiten zu nutzen, um wenigstens schrittweise mehr Normalität im geteilten Deutschland zu erreichen und Menschen in Not zu helfen. Wer zum Beispiel in der Politik oder in den Kirchen so gehandelt hat, gewann Einsichten und Erfahrungen, die anderen heute nicht einleuchten wollen: denjenigen nämlich, die sich damals wenig für die Menschen in der DDR interessiert haben und heute – mit dem Wissen von der Schwäche und vom Zusammenbruch der DDR – scheinbar unbefangen urteilen. Da läßt sich gut moralisieren und schneidig abwerten.

Die Frage, was man denn im Wiederholungsfall täte, sollte ernsthafter bedacht werden. Würde man, natürlich wieder in Unkenntnis über die Dauer des DDR-Systems und zugleich mit der Erfahrung blutig niedergeschlagener Aufstände, dieses Mal auf Konfrontation setzen? Würde man Menschen nicht herausverhandeln oder freikaufen, sondern den "Druck im Kessel" lassen? Würde man Oppositionelle in ihrer Auflehnung ermuntern und dann den Kessel platzen lassen?

Abenteurer und Menschenverächter würden das vielleicht tun. Verantwortungsbewußte Menschen, denen am Leben und Wohl jedes einzelnen gelegen ist, würden wieder die kleinen Schritte zur Verbesserung der Lage wählen. Am Ende stünde dann vielleicht erneut die große Wende ohne ein einziges Opfer an Menschenleben – und die nachträgliche Kritik, man habe nicht mutig und entschieden genug die Veränderungen vorangetrieben.

Politisch läßt sich darüber streiten. Wenn Mittel der Strafrechtsjustiz genutzt werden, ein Verhalten abzuqualifizieren, das in der Zeit der Teilung von allen gerühmt wurde, dann wird die nachträgliche Um- und Abwertung grotesk und unerträglich.

Der frühere Ostberliner Rechtsanwalt Wolf gang Vogel hat jahrzehntelang umsichtig und erfolgreich über die Ausreise von Menschen aus der DDR und auch über ihre vorzeitige Entlassung aus der Haft verhandelt. Zehntausende kamen so aus dem Gefängnis, Hunderttausende durften die DDR verlassen. Vogel wurde damals mit Dankesbezeugungen überschüttet. Er genoß das Vertrauen vieler, hochrangiger westdeutscher Politiker aus allen Parteien. "Vogel trägt seinen nicht geringen Teil dazu bei, durch die Spaltung Deutschlands verursachte Nöte zu lindern", schrieb eine große westdeutsche Tageszeitung noch im August 1989.