Von Christoph Drösser

Was hast du im Klassenkrieg gemacht, Papi? lautete die Überschrift zu einem Artikel des Journalisten und Militärexperten James Fallows im Jahr 1975, kurz nach dem Auszug der Amerikaner aus Saigon. Fallows brachte damit eine Grundstimmung zum Ausdruck: daß die Reichen und Gebildeten es in der Zeit des Vietnamkriegs leichter hatten, die Wehrpflicht zu umgehen, daß die Hauptlast des Krieges von den unteren Schichten getragen wurde. Insbesondere die Studenten der Elite-Universitäten, ob Kriegsgegner wie Bill Clinton oder einfache Drückeberger wie Exvizepräsident Dan Quayle, hätten sich der Einberufung entzogen. Fallows’ Kollege David Halberstam brachte es polemisch auf den Punkt: Von der renommierten Harvard-Universität seien fast genauso viele Pulitzer-Preisträger wie Vietnamopfer gekommen.

Dieses Bild ist falsch, behauptet nun der Statistiker Arnold Barnett vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Nach seinen Untersuchungen (Operations Research, Vol. 40, Nr. 5, S. 856) waren die Vietnamopfer relativ gerecht zwischen Arm und Reich verteilt. Barnetts Arbeit löste einen Wirbel aus und führte dazu, daß auf den politischen Seiten der Magazine über statistische Methoden diskutiert wurde.

Wie kann man heute noch herausfinden, welcher Gesellschaftsschicht die 58000 amerikanischen Vietnamopfer angehörten? Eigentlich gar nicht mehr. In der offiziellen Liste, dem Vietnam Veterans Memorial Directory of Names, sind neben militärischen Angaben nur Geburts- und Todesdatum sowie der Heimatort verzeichnet. Barnett und seine Kollegen versuchten daher mittels einer repräsentativen Stichprobe von 1500 gestorbenen US-Soldaten herauszufinden, ob einkommensschwache Städte und Gemeinden unter den Heimatorten der Gefallenen überrepräsentiert gewesen seien. Ihr Ergebnis: wenn überhaupt, dann nur geringfügig.

In diesem Verfahren sah James Fallows, der die Studie im Magazin The Atlantic verriß, einen logischen Fehler. Seine Kritik: Die Studie habe ihre Hypothese zur Grundannahme gemacht. Denn Barnetts Vorgehen beruhe auf der Annahme, daß jeder Rekrut ein typischer Einwohner seiner Heimatgemeinde gewesen sei. Es gebe aber in jeder amerikanischen Stadt soziale Unterschiede, und nach der Klassenkriegsthese habe es jeweils die Unterprivilegierten getroffen.

Abgesehen davon, daß die Autoren diese Bedenken sehr wohl vorausgesehen und deshalb weitere Untersuchungen angestellt hatten, rannte Fallows damit aber letztlich gegen seine eigenen Argumente von 1975 an. Er selbst hatte damals geschrieben: "Die Mütter aus Beverley Hills, Chevy Chase, Great Neck und Belmont riefen nicht ihre Kongreßabgeordneten an und schrien: ‚Ihr habt meinen Jungen umgebracht.‘" Der Krieg wäre eher zu Ende gewesen, wenn die Einwohner dieser reichen Vororte von Los Angeles, Washington, New York und Boston ihren Teil der Last getragen hätten. Man kann es als polemische Spitze werten, daß Barnett sich just diese vier Nobelorte vorgenommen hatte und zeigte, daß sie mit ihren insgesamt 29 Vietnamtoten sogar leicht über dem nationalen Durchschnitt lagen.

Um herauszufinden, ob es innerhalb der einzelnen Städte und Gemeinden tatsächlich besonders die Unterschichten getroffen habe, führten die Statistiker noch eine weitere Untersuchung durch, bei der 467 Fälle aus vier amerikanischen Städten bis in ihren Zensus-Block (eine Einheit von etwa tausend Einwohnern) zurückverfolgt wurden. Das Resultat bekräftigte das Ergebnis der groben ersten Abschätzung: Das reichste Zehntel der Bevölkerung war mit 7,8 Prozent unter den Opfern vertreten – das ist zwar weniger als die statistisch zu erwartenden 10 Prozent, aber kein dramatischer Klassenunterschied. Eine mögliche Erklärung für das seltsame Auseinanderklaffen von anekdotisch begründeter Überzeugung und statistischen Zahlen lautet: Die reichen und gebildeten jungen Männer waren in den höheren Rängen überrepräsentiert, und dort war die Todesrate höher – ein auf makabre Weise gerechter Ausgleich?