Von Jürgen Krönig

Belfast

Frieden noch vor Weihnachten, diese Hoffnung des irischen Außenministers Dick Spring wird sich wohl nicht erfüllen. Sollte die anglo-irische Nordirland-Initiative je erfolgreich sein, dann nur am Ende eines mühevollen Prozesses, nach vielen politischen Störmanövern und Gewaltakten der Hardliner, die um nichts in der Welt die Waffen aus der Hand legen wollen. Die jüngsten Terroranschläge der IRA lieferten einen Vorgeschmack. Im "Banditenland" Tyrone wurden am Vorabend der Downing-Street-Deklaration zwei Polizisten erschossen; am vierten Advent detonierten Bomben in Ulster, schufen Bombendrohungen der IRA im Großraum London chaotische Verkehrsverhältnisse. Es war, als wollte die IRA die Briten daran erinnern, daß sie den Kampf nur einstellen wird, wenn es sich wirklich lohnt.

Nach Ansicht von Reverend Ian Paisley, protestantischer Pfarrherr und Parteiführer, kann die IRA schon jetzt mehr als zufrieden sein. Grollend wie ein alttestamentarischer Prophet, hatte er dem britischen Premier John Major vorgeworfen, die Protestanten in Nordirland an die "Gangster der IRA" zu verkaufen, die "Unschuldige gemetzelt, geschlachtet und gemordet" hätten. Ian Paisley, das "unakzeptable Gesicht des nordirischen Protestantismus", hat seine Partei, die Demokratischen Unionisten (DUP), auf Widerstand gegen die anglo-irische Friedensinitiative eingeschworen. Die DUP wird fortan Stimmung gegen die Deklaration machen. Den Engländern ist Paisley deshalb jetzt noch unangenehmer als zuvor: "So fremd wie ein Beduine oder ein Kroate", schrieb der Independent, eben "absolut unenglisch", meinte der Guardian. Paisley ist für sie eine befremdliche Figur aus einem fernen Land; seine Politik, Religion und sein Wertesystem haben die britischen Durchschnittsbürger nie verstanden.

In Nordirland hingegen gilt der wortgewaltige protestantische Fundamentalist als jemand, der wie kein anderer die Hand am Puls des Volkes hat. Sein Sprecher Sammy Wilson spricht aus, was viele Protestanten denken: Die anglo-irische Nordirland-Deklaration sei "ein Dokument der Unterwerfung unter die IRA"; Großbritannien sei "schändlicherweise" bereit, die "nordirischen Protestanten in ein vereintes Irland hineinzuzwingen". Wilson malt ein düsteres Bild von Nordirlands Zukunft: Als letzter Ausweg – "immer noch besser als die irische Einheit" – bleibe nur die Unabhängigkeit für Ulster; sie aber würde zwangsläufig zu einer "blutigen Angelegenheit". Denn Ulster müßte dann in katholische und protestantische Gebiete geteilt werden; viele Menschen würden "entwurzelt und umgesiedelt".

Die Regierungen in Dublin und London wollen derweil nicht an das Schlimmste denken und trösten sich mit der gemäßigteren Reaktion anderer protestantischer Organisationen. Die Offiziellen Unionisten, die die Mehrheit der Protestanten vertreten, mögen die Downing-Street-Deklaration zwar nicht, aber sie überlassen die strikte Ablehnung anderen. Sogar das Vereinte Militärische Kommando der Paramilitärs stimmt nicht in die populistischen Tiraden Paisleys ein; UFF (Ulster Freedom Fighters) und UVF (Ulster Voluntary Force) machen das Schweigen der Waffen vom Verhalten der IRA abhängig. Ihr Sechs-Punkte-Programm zeigt, daß sie, wie die IRA, eine politische Kraft sein wollen: So fordern sie eine geschriebene Verfassung, Grundrechte, Garantien für Minderheiten und eine freiwillige Kooperation zwischen Nord- und Südirland.

Doch kann man diesen versöhnlichen Tönen schon trauen? Nach wie vor gilt nämlich das Wort eines UFF-Brigadiers: "Wir wollen den Frieden, aber wir rüsten für den Krieg." Und den Krieg wollen sie, wenn die Stunde gekommen ist, auch in die Republik Irland tragen.