Joachim Gauck: Ich greife zurück auf Teile eines Vortrages, den ich kürzlich bei der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt über den Typus des Untertanen gehalten habe. Ich greife zurück in meine Vergangenheit und ecke an in meiner Gegenwart.

Was hat mich so lange gehindert, mich selber als Untertan zu begreifen?

Einmal ist es natürlich die uns allen eigene Technik der Schmerzvermeidung, die einem auch als Opfer verbietet, allzubald nach Beendigung einer bestimmten Etappe einzukehren bei den tristen Erfahrungen, konditioniert worden zu sein. Aber neben der Lüge, die einen hindert zu erkennen, sind mir viel interessantere Dinge begegnet im Verbergen der tatsächlichen Machtstrukturen. Ein Stichwort ist mir dabei in den Sinn gekommen. Es lautet "Beliebigkeit".

Daß Lüge ein Feind der Wahrheit und des Erkennens ist, ist jedem deutlich. Beliebigkeit hat etwas Einladendes. Sie tut so, als gäbe es viele Wege zum Erkennen – und das ist richtig –, und sie ist gleichwohl jene Haltung, die immer schon Gründe findet, sich nicht zu engagieren, wo aus ethischen Gründen Engagement gefordert wäre.

Deshalb ist mir die Kunst derer, die, wie Wolf Biermann sagte, "das Ungereimte reimen können", so interessant geworden in der Rückschau. Es ist mir auch interessant geworden, daß diejenigen zunehmen, die die Kunstfertigkeit solcher Reimschmiede bewundern können und nicht mehr darüber nachdenken, was sie denn reimen. Und wenn ich mich abwende von den Künstlern und einkehre bei den Denkern, dann fällt mir auf, daß da "Meister in Deutschland" waren, zu allen Zeiten, die große Systeme zu denken und zu beschreiben imstande waren, die aber oftmals erhaben über den Widrigkeiten der Realität schwebten.

Aber kurz bevor wir den Intellektuellen im Reich der Untertanen besonders schwarz malen, wollen wir innehalten: Zwar gehen dem Intellektuellen Wahrheiten verloren. Aber es ist zu schön, um wahr zu sein, daß es nur der schönen Naivität der Ungebildeten bedürfe, damit wir wieder Fähigkeiten zur Erneuerung hätten. Die Wirklichkeit ist schlimmer: Die Züchtung der Untertanen ist machbar.

Züchtungserfolge haben in nennenswertem Umfang in verschiedenen autoritären Systemen stattgefunden. Probate Mittel zur Erreichung des Zuchterfolgs – Einsatz von Angst und Machtmitteln einer sich selbst möglichst wenig relativierenden Machtzentrale –, Verschleierung der tatsächlichen Machtverhältnisse durch organisatorische Begleitmaßnahmen ("Demokratisierung" wird es genannt, Bürokratisierung ist es in der Regel), Leugnung der tatsächlichen Verhältnisse. Nackte Lüge ist erkennbar – geschickte Rationalisierung, Nivellierung und Bagatellisierung sind effizienter.