Von Gunhild Freese

Signale der Hoffnung: heftiges Gedränge in Warenhäusern, Einkaufszentren und Passagen. Spielsachen gingen weg wie noch zu jedem Weihnachtsfest, edle Weine, Champagner und Delikatessen waren Renner wie schon immer. Der Ansturm bescherte manchem Einzelhändler die schönste Weihnachtsüberraschung: ein kleines Plus in der Kasse.

Alles nur schöner Schein: Mitten in einer Rezession wollen sich die Bundesbürger noch einmal ein glanzvolles Fest bescheren. Aber auch das reicht nicht, um den Einzelhandelsumsatz auf neue Rekordhöhen zu bringen. Allein der Weihnachtsumsatz in Westdeutschland (23,5 Milliarden Mark), so prognostiziert der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels, wird den Erlös des vergangenen Jahres um eine Milliarde verfehlen. Die Ostdeutschen schaffen mit rund 3,5 bis 4 Milliarden Mark wohl gut das Ergebnis des Vorjahres. Mehr als stagnierende Umsätze kann die Branche in diesem Jahr damit nicht erwarten.

Trübe Aussichten: Schon im Oktober dieses Jahres sackte die Stimmung der westdeutschen Verbraucher in den Keller. Die Tatsache, daß sie 1993 weniger als im Vorjahr im Portemonnaie hatten, die Erwartung, daß auch 1994 Löhne und Gehälter kaum die Inflation ausgleichen werden, und die Gewißheit, daß sie 1994 vom Staat kräftig geschröpft werden, liegen den Konsumenten auf der Seele. Fazit der Nürnberger Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GfK):

Die Hoffnung auf baldige Erholung der privaten Nachfrage sinkt weiter. Dem heimischen Handel, so schwant dem Präsidenten der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels, Karstadt-Chef Walter Deuss, "stehen zwei schwere Jahre bevor".

Obendrein plagen die Verbraucher noch Zukunftssorgen im Beruf: Unter dem Eindruck der schwierigen wirtschaftlichen Situation steht die Furcht vor Arbeitslosigkeit ganz an der Spitze. Nannten 1990 nur dreißig Prozent der Bundesbürger West die Arbeitslosigkeit als "dringlichste Aufgabe", die in der Bundesrepublik zu lösen sei, so stand bei einer Befragung der GfK dieses Problem jetzt bei fast doppelt so vielen obenan. Die Sicherung der Arbeitsplätze wurde in Ostdeutschland sogar von achtzig Prozent der Befragten als vordringlich genannt. Und die Zahl der weniger Wohlhabenden wächst: Einwanderer, Zusiedler, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, alte Menschen.

Schwache Konjunktur, hohe Arbeitslosigkeit, Schuldenberge bei Bund, Ländern und Gemeinden, ratlose Politiker: Die Situation, in der sich die Bundesrepublik zur Jahreswende präsentiert, erinnert an die Jahreswende 1982/1983. Auch damals stand die westdeutsche Wirtschaft – Schulter an Schulter mit den anderen Industrieländern – vor einer Wende. Die Kennzeichen: Inflation, Arbeitslosigkeit, Schrumpfung der Wirtschaft, Insolvenzen und hohe Staatsschulden.