ESSEN. – Von ihrem Wohnsalon aus kann Else Beitz die ausgedehnten Ruhrhöhen oberhalb des Baldeneysees überblicken. Aus dem Krupp-Wald ragt das grüne Kupferdach von Villa Hügel hervor, dem einstigen Familiensitz der Krupps, erbaut von Alfred Krupp, dem Sohn des Firmengründers Friedrich. "Alfreds kapitalistische Zwingburg" wird der Bau in einer Schrift des Essener Kulturamts genannt, "in ihrer imposanten Kreuzung aus Akropolis, Walhalla und Bahnsteighalle Stein für Stein aus Alfreds Charakter". Frau Beitz kann dieses Urteil ganz und gar nicht teilen. Ihr gefällt die Villa, sie findet sie anheimelnd, zumal sie nun im Innern mit Holz vertäfelt ist und nicht mehr, wie zu "Alfreds" Zeiten, mit Stahl ausgeschlagen.

Und was Alfred Krupp selbst angeht, der darauf bestand, "weder Goethe noch irgendein Wesen in der Welt" fragen zu müssen, "was Recht ist" – Frau Beitz findet ihn durchaus sympathisch. Gewiß, er war ein Patriarch, wie er im Buche steht, und ein Pedant, der seine Umgebung mit handgeschriebenen "Instructionen" nervte. Aber war er nicht auch ein musischer Mensch? Er verfaßte Gedichte und zeichnete und war ein passionierter Reiter. Am meisten aber beeindruckt Else Beitz, wie er es fertigbrachte, die "ungebildeten und ungeformten" Arbeiter seiner Fabrik, die früher Handwerker oder Bauern waren, "zu erziehen und vorwärtszubringen". Zu dieser Erkenntnis gelangt sie nicht etwa aus inniger Verbundenheit mit Krupp, sondern vielmehr aufgrund wissenschaftlicher Arbeit: Else Beitz promovierte, mit 73 Jahren, zum Dr. phil.: über das Thema "Industriepädagogik in den Großbetrieben des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, dargestellt am Beispiel der Firma Fried. Krupp".

Fast ein Leben lang war sie nur die Frau an der Seite von Berthold Beitz, Testamentsvollstrecker und bis heute mächtiger Mann im Hause Krupp, daneben in zahlreichen Funktionen aktiv, etwa als Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees. Durch das rege gesellschaftliche Leben und die Erziehung der drei Töchter, erzählt Else Beitz, "habe ich nichts entbehrt". Doch nachdem die Kinder nach und nach das Haus verlassen hatten, wollte sie, die bereits mit 19 Jahren geheiratet hatte, etwas für sich tun. Sie beschloß, das Abitur nachzuholen – und bestand es, im Alter von 58 Jahren, mit einem Notendurchschnitt von 2,2.

Danach wollte sie Psychologie studieren, hat an der Bochumer Ruhr-Universität auch "einige Scheine gemacht". Doch das Studium enthielt ihr zuviel Statistik. Sie wechselte an die Essener Universität und studierte Erziehungswissenschaften. Mit einem Diplom schloß sie das Studium 1985 ab. Das Thema der Diplomarbeit – "Die Bildungseinrichtungen der Firma Krupp im 19. und 20. Jahrhundert" – hatte ihr Professor Franz-Josef Wehnes vorgeschlagen. "Ich dachte, durch ihre Nähe zu Krupp hat sie leichter Zugang zu den Archiven", sagt er. Sie verneint das; was sie eingesehen habe, sei jedem Studenten zugänglich. Auf der Diplomarbeit baute die nun vorgelegte Doktorarbeit auf, die mit magna cum laude, also sehr gut, bewertet wurde.

Alfred Krupp ist ihr dabei recht vertraut geworden. Sie macht kein Hehl daraus, daß sie ihn bewundert. Unter seiner Leitung blühte das Unternehmen erst richtig auf. Und er verstand es, durch ein ausgetüfteltes Versorgungssystem "seine" Arbeiter an Krupp zu binden. Else Beitz beschreibt detailliert die "Kruppschen Wohlfahrtseinrichtungen", von der "Hülfskasse in Fällen von Krankheit und Not" bis zum Kruppschen Wohnungswesen.

Dabei arbeitet sie durchaus heraus, daß Alfred Krupps "Erziehungsideale" höchst autoritär waren, die Arbeiter mußten gehorchen, basta. Auch beschreibt sie, daß Krupps Investitionen in die Bildung seiner Leute keineswegs uneigennützig, sondern aus betrieblichen Interessen notwendig waren. Schließlich verschweigt sie nicht, daß der Patriarch mit seiner Wohltätigkeit die Arbeiter auch davon abzuhalten suchte, sich politisch zu betätigen – etwa indem er Bierlokale bauen ließ, in denen das Bier billiger war als in den Versammlungslokalen der Sozialdemokraten. Doch unterm Strich fällt Else Beitz’ Fazit wohlwollend aus: "Insgesamt gesehen ergab die von Krupp praktizierte Industriepädagogik für die Arbeiterschaft ... weitgehende positive Veränderungen und eine kontinuierliche Verbesserung ihres Lebenskonzeptes ... Der Arbeiter war der Integration in die bürgerliche Gesellschaft nahegerückt."

Was wohl Else Beitz’ Vater, der aktiver Gewerkschafter war, dazu sagen würde? Ihr Doktorvater Wehnes habe sie darauf hingewiesen, daß sie damit rechnen müsse, von "linken Pädagogen" attackiert zu werden. Doch bislang, berichtet sie, habe sie nur positive Reaktionen erhalten. Konrad Schily zum Beispiel, Präsident der Privat-Uni Witten-Herdecke, habe ihr zu der Arbeit gratuliert und ihr gesagt, er habe sich darin "festgelesen".