Von Michael Winter

Auf ein Pferd springen und gleichzeitig schießen können; von einer Schlacht in die nächste ziehen; Berge mit einem Schrei erschüttern und die Farben des Himmels durch Wutgebrüll verändern." Also den eigenen Geist zum Gesetz der Materie machen, mit einem Schrei in die Welt springen und sie verwandeln. Wer hätte noch nicht diesen Traum gehabt. Die Chance, ihn zu realisieren, steht eins zu etlichen Milliarden. Nur einigen wenigen in der Geschichte der Menschheit war dieses zweifelhafte Glück beschieden, meist zum Unglück aller anderen.

So einer lief lange neben der Welt her, als Außenseiter von Außenseitern in einem Land, das allen verschlossen war. Und dennoch glaubte er, bis er in seinem sechzehnten oder achtzehnten Lebensjahr zum ersten Mal eine Weltkarte sah, er lebe im Zentrum allen Seins, und er revidierte seine Ansicht auch danach nicht wesentlich. Niemand hätte einen Pfifferling dafür gegeben, daß er sein dreißigstes Lebensjahr erreichen, geschweige denn, daß er ein Fünftel der Menschheit aus jahrhunderte- oder jahrtausendelangem Elend heben und zweimal wieder in Katastrophen stürzen würde, die zu den größten der Menschheit zählen.

Der Gedanke, ein Schrei könne Berge versetzen, ist genauso wahnwitzig wie der, in der Geschichte walteten wie in der Natur Gesetze, mit denen die Zukunft berechenbar sei. Vielmehr gibt es in der Geschichte der Kulturen Zeiten, da geschieht das Wahrscheinliche, und Zeiten, da geschieht das Unwahrscheinlichste. Eine solche Zeit brach für China an, als die Revolution vom 10. Oktober 1911 die seit dreieinhalb Jahrhunderten regierende Mandschu-Dynastie der Tsching-Kaiser und damit das über 2000jährige chinesische Kaisertum hinweggefegt und durch eine bürgerliche Republik ersetzt hatte.

Der Konfuzianismus und eine auf ihm begründete uralte Staatsbürokratie fielen in Scherben. Durch diese Erschütterung stürzte das Land für eine Generation in Anarchie und Bürgerkrieg, in deren Verlauf ein Dutzend regionaler Militärdiktatoren, Gangsterbanden, bürgerliche Parteien, Kommunisten, Japaner und die europäischen Mächte um Vorherrschaft und Einfluß auf dem chinesischen Kontinent rangen.

Derjenige, der den Kampf schließlich für sich entscheiden und eine neue Dynastie, eine Parteidynastie, gründen sollte, die noch heute die Geschicke Chinas bestimmt, war 1911 gerade sechzehn Jahre alt und so weit von der Macht entfernt wie die meisten der damals 500 Millionen Chinesen. Ein Bauernsohn mit dem Vornamen "Salbe den Osten" aus einem Dorf, 1000 Kilometer von Hongkong und 1500 von Peking entfernt.

Mao Tse-tung wurde geboren am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1893, am Ende der Welt, weit ab von unserer Zeitrechnung, als Angehöriger einer Zivilisation, die Jahrtausende älter ist als die europäische, deren Gedächtnis weiter in die Vergangenheit zurückreicht als das aller europäischen Völker, deren Denken kaum unzweideutig in eine europäische Sprache übertragen werden kann, deren Kultur und Technik Europa bis ins 15. Jahrhundert weit überragten und dann in einem gigantischen Bürokratismus erstarrten.