Von Theo Sommer

Belet Huen

Bei der Landung auf dem Sand, zwischen grauem Gestrüpp und rotbraunen Termitenhügeln, wirbelt der Hubschrauber des Ministers eine mächtige Staubwolke auf. Die Männer von Mataban kehren sich ab, die Frauen in ihren bunten Gewändern ziehen die Zipfel ihrer Umschlagtücher über das Gesicht. Als sich der Staub gelegt hat, jubeln sie Volker Rühe zu wie dem Heilsbringer eines Cargo-Kults.

Trommeln dröhnen, junge Mädchen tanzen. Die Frauen in der vordersten Reihe strecken dem Minister ungelenk beschriftete Schilder entgegen. Der Lehrer hat sie am Morgen verteilt. "Die Kinder von Mataban benötigen deutsche Hilfe", steht da. "We need peace", heißt es auf anderen Plakaten; oder: "Die Bundeswehr ist jederzeit herzlich willkommen", und: "Welcome Minister Rühe".

In den Jubel mischen sich skandierte Rufe: "S-N-A! S-N-A!" Das sind die Anfangsbuchstaben der Somalischen National-Allianz, der Organisation des Generals Mohammed Farah Aidid, auf dessen Ergreifung die Vereinten Nationen im Sommer ein Kopfgeld von 25 000 Dollar ausgesetzt hatten – bis sie die Jagd auf ihn vor einigen Wochen wieder abbliesen. Eine besonders hübsche Jublerin trägt ein Schild mit der Aufschrift: "The SNA faction is going to cause peace. Gen. Aidid. " Mataban ist Aidid-Land.

Der Dorfälteste, Ali Mohammed Abdi, zählt zu den strammen Gefolgsleuten des Milizführers. Er ist den Deutschen dankbar: Sie haben seinem 7000-Seelen-Flecken einen 200 Meter tiefen Brunnen gebohrt. Die drei Quellen, die es früher gab, waren während des Bürgerkrieges zerstört worden. Jetzt blitzt da das Blechdach eines schmucken Brunnenhäuschens in der Sonne. "Deutscher Brunnen", haben die Soldaten auf die Wand des Häuschens gepinselt, "erbaut von Pionieren. Dezember 1993". Der Stolz des Bohrzuges, das riesige Drillgerät, überragt das Festzelt um gut dreißig Meter. Es sieht ganz so aus, als solle die Dorfjugend von Mataban zum Bungee-Springen eingeladen werden. In den sechziger Jahren hatte die Bundeswehr die dynosauriergroßen Geräte angeschafft, um ADM-Sprengschächte zu bohren – Löcher für atomare Zerstörungsminen. Als die Sache mit den "Trettner-Minen" ruchbar wurde, mußten die Pläne zu den Akten gelegt werden. Brunnen bohren in Somalia statt ADM-Schächte entlang der innerdeutschen Grenze – dahinter verbirgt sich ein Stück gelungener Konversion.

Ali Mohammed Abdi, in feiertäglichem Wickelrock, den Krückstock als Zeichen seiner Würde und Autorität in der Hand, bedankt sich: "Die deutschen Truppen haben etwas getan, was wir nie für möglich gehalten hätten. Sie haben etwas für unsere Menschenrechte getan. Und sie haben keinerlei Bedingungen gestellt." Dann erteilt der Dorfälteste der angereisten Ministerdelegation eine völkerkundliche Lektion. Für Geleistetes zu danken heißt in Somalia allemal: weitere Leistungen zu fordern. Es fehlten noch 11 – von 42 – Millionen, um für den Brunnen zu bezahlen. Könne nicht das Bundesverteidigungsministerium einspringen? Ein zweiter Brunnen tue not, damit Menschen und Vieh nicht den gleichen benutzen müssen. Auch brauche das Dorf mehr Lehrer, mehr Polizisten. Es brauche Strom, einen Tierarzt, Wiederaufbauhilfe für Krankenhaus und Schule. "Mataban ist das vergessene Land." Jamaika – Deutschland – werde noch lange gebraucht, die Bundeswehr sei noch auf Jahre hinaus willkommen.