Von Benjamin Henrichs

1. Vorspiel: Zadek unterwegs zu Brecht

Was ist das bloß für ein Theater? Oder ist es überhaupt kein Theater? Die Bühne: kein mit Kunst-Fleiß gestaltetes Bühnen-Bild, sondern ein Haufen Gerümpel. Die Schauspieler: kein um Ausdruck und Wahrheit ringendes Ensemble, sondern bloß ein Haufen Menschen. Entspannter Müßiggang herrscht, nicht Mühsal der Verstellung: Jeder so gut (und mancher so schlecht), wie er kann.

Das Stück ist auch kein Stück (und ein "Drama" schon überhaupt nicht). Seine besten Szenen sind Szenen über beinahe nichts: über Wind und Wetter, das Aufgehen der Sonne, das Vorüberfahren eines Zuges.

Peter Zadek, einer der vier Intendanten im sonderbaren Ältestenrat des Berliner Ensembles, hat Vittorio de Sicas Film "Das Wunder von Mailand" für die Brecht-Bühne am Schiffbauerdamm dramatisiert. Nach der Premiere (siehe ZEIT vom 18. Juni 1993) hatten die Kritiker in vielen Zungen von diesem Abend berichtet: Die einen klagten fassungslos über Zadeks Absturz in die Biederkeit, die anderen erzählten vergnügt von einem kleinen Wunder der Leichtigkeit.

Der Rezensent sieht Zadeks Sommertheater erst jetzt, mitten im Berliner Matsch-Winter. Er sieht es zur Einübung: In einer Woche wird Peter Zadek die erste Brecht-Inszenierung seines Lebens (das Lehrstück, die "Schuloper" "Der Jasager und Der Neinsager") vorzeigen. Unübersehbar ist schon "Das Wunder von Mailand" eine Annäherung, ein Spiel mit Brecht. Mit den frommen und schlichten (oft auch nur frömmelnden und schlichtelnden) Mitteln des einstmals so genannten Epischen Theaters. Ein Versuch auch über die ominöse "Freundlichkeit" – zu der Zadek seine Figuren aber nicht (wie Lehrmeister Brecht) streng erzieht. Die er ihnen einfach schenkt – sofort und bedingungslos. Brecht, der Verfremder, wird verfremdet: in den Süden entführt. "Das Wunder von Mailand" ist auch ein italienisches Märchen gegen die akuten deutschen Finsternisse, ein lächelnder Rückzug aus den grimmigen deutschen Debatten.

Es war einmal. Peter Zadek war einmal der ärgste Widersacher, der wütendste Feind des von Brechts Schülern und Epigonen leergespielten Brecht-Theaters. Jetzt, selber ein alter Meister, wagt er ein erstes Treffen mit dem verstaubten Heiligen vom Schiffbauerdamm. Eine theaterhistorische Begegnung wird das sein, heute in einer Woche! Aber auch ein Theater? Wir warten.