Von Jan Feddersen

In der Gepäckablage des Intercitys lag, Zeugen haben es bestätigt, schon in München bei der Abfahrt ein Haufen Papier. Man schrieb Mittwoch, den 9. Dezember 1992. Draußen huschte die hübsch angeordnete bayerische Landschaft vorbei, nur unwesentlich im Dauerregen ertränkt. Nürnberg, Würzburg – halt: Kurz vor der fränkischen Residenzstadt tauchte flüchtig ein Schild auf –, Rothenburg ob der Tauber. Die Stadt, die sich vermutlich selbst vor langer Zeit erfand, um am Ende des 20. Jahrhunderts zu ihrer eigentlichen Bestimmung zu kommen, nämlich japanischen und amerikanischen Touristen, aber auch uns von Dezember bis Januar mit weihnachtlichem Ambiente zu erfreuen.

Jedenfalls entpuppte sich der Altpapierhaufen als Harz Kurier, Untertitel: "Lokales mit Weitblick", Erscheinungsort: Osterode, weit weg von Bayern. Und bei dem Gedanken, daß der Winter in Deutschland auch nicht mehr hält, was er noch nie versprochen hat, kam uns die Idee, daß Weihnachten doch bitte so ausfallen möge wie in den kitschigsten Vorstellungen: weiß, friedlich, krippig und mit Tannenbaum.

Auf Seite 7 stand, als hätte die Redaktion am vorvorigen Tag erraten, was wir gerne lesen möchten, eingeklemmt als Anzeige zwischen "TTC Hörde III wieder mit Punkterfolg", "Erfolge für TTC LaPeKa III" und "Keglerball in Wulfen": "Weihnachtsbäume von der Forstgenossenschaft".

Da wollten wir sofort hin. So viel wird nie wieder verheißen und, wie sich vier Tage später herausstellen wird, auch gehalten: "Am Sonntag, dem 13. Dezember, startet die Forstgenossenschaft Hattorf mit ihrem Weihnachtsbaumverkauf in der Abt. 19 unter der Lichtleitung. In der Zeit zwischen 10 und 15 Uhr werden Weihnachtsbäume (Fichten, Blaufichten und Nordmannstannen) mit und ohne Ballen verkauft." Und als letzter Hinweis, daß man sich jahreszeitenmäßig im Winter befindet, heißt es im Schlußsatz: "Für Unterkühlte hält der Vorstand Glühwein zum Selbstkostenpreis bereit."

Hattorf? Harz? Die Dame aus der Osteroder Lokalredaktion klärt auf: Nein, der Brocken ist vom Ort aus nicht zu sehen, Schnee auch nicht garantiert, man sei aber guter Hoffnung, vielleicht werde die eine oder andere Flocke fallen, gar liegenbleiben, man wisse ja nie. Hattorf gehöre zum Vorharz, ehemals Zonenrandgebiet, wie es dort heißt. Und: "Nicht vor 11.30 Uhr kommen, danach ist am meisten los."

Was werden die anderen uns beneiden, wenn wir mit einem Tannenbaum aus einem echten Wald nach Hause kommen, kein Exemplar, das aus einer dänischen Schonung kommt, pflegeleicht zwar, aber doch mit dem Ruch behaftet, nicht etwa unschuldig im Wald gestanden zu haben, sondern eigens für den Heiligen Abend gezüchtet worden zu sein. Geschlagen in einer weißen Landschaft, beäugt von Rehen und Hirschen.