Von Gregor Kursell

Gert Eichler mag keine Olympischen Spiele. Als Privatmann nicht und ebensowenig als Spieleforscher und Professor am Fachbereich für Sportwissenschaft der Universität Hamburg. "Industriell überformte Bewegungsunkultur" – so nennt Eichler das hin und wieder noch als "Spiele der Jugend der Welt" apostrophierte Massenspektakel. "Viel sinnvoller wäre ein Spielfest der Völker der Welt, bei dem alle ihre traditionellen Spiele zeigen. Ein Fest, daß das Interesse des Publikums nicht durch neue Rekorde im Hundertstelsekundenbereich, sondern durch Vielfalt und Zwanglosigkeit weckt." Er selbst spielt gern das afrikanische Strategiespiel Mancala – auch im Seminar, mit seinen Studenten. Nacheinander verteilen sie nach kompliziert wirkenden Regeln Bohnen in den Mulden des Spielbrettes. "Ich möchte gern so schnell werden wie die Afrikaner", wünscht sich Eichler.

Momentan steckt er noch in den Anfängen: mit seiner "Bibliothek Homo Ludens", einer Bücher- und Spielesammlung, die in einem kleinen Raum im zweiten Stock des Instituts für Sportwissenschaft untergebracht ist. Daraus könnte, schwebt Eichler vor, einmal etwas viel Größeres werden. Eine Welt-Spiele-Stiftung, die sich für den Erhalt gefährdeter und aussterbender Gattungen einsetzt: Vom Aussterben bedroht, so Eichler, sind die Spiele der Völker. Das klassische Murmelspiel. Die in vielen Kulturen zu findenden Wollfäden-Abhebe-Spiele. (Eichler bedauert, daß er selbst mit Mühe fünf Figuren behalten kann.) Oder die indischen Schattenspiele. Der Professor, von Haus aus Soziologe, will diese Spiele sammeln, dokumentieren und wieder "spielbar machen": "Deutsche Kinder könnten in der Schule türkische Spiele lernen und dabei etwas über die Kultur des Landes erfahren", stellt er sich vor.

Mit dem Namen "Bibliothek Homo Ludens" erweist Eichler dem niederländischen Kulturphilosophen Johan Huizinga eine Reverenz. Der vertrat in seinem 1938 erschienenen Klassiker "Homo Ludens" die These, daß menschliche Kultur als Spiel entstanden sei. Eichler folgt dieser These. Weniger gefällt ihm, wie der Niederländer den Begriff des Spiels beschreibt. Huizinga definiert das Spiel als freie und zweckfreie Handlung, die außerhalb des gewöhnlichen Lebens steht, festen Regeln folgt und zeitlich wie räumlich begrenzt ist. Eichler: "Huizinga bemüht das antike, abendländische Muße-Ideal: Arbeit ist profan, Muße – sprich Spiel – ist Kultur. Aber das stimmt nur am Schreibtisch, nicht in der Realität. Im Leben der Völker hat das Spielen einen zentralen Rang. Nehmen wir das Spielen der Kinder. Ein Kind muß in die Welt hineinwachsen, es erspielt sie. Das ist eine der ernsthaftesten Handlungen des Menschen, absolut nicht zweckfrei. Wir erlauben uns, Kinder in eine künstliche Spielwelt zu versetzen, wir verniedlichen und verkindlichen, wir betrügen Kinder um ihre Ernsthaftigkeit. Umgekehrt: Viele der ernsthaften Tätigkeiten der Erwachsenen haben experimentellen, kreativen, offenen, eben spielerischen Charakter – werden aber Arbeit genannt."

In Eichlers "Bibliothek Homo Ludens" finden sich Bücher über Spiele der Maoris und über russisches Volksspielzeug, Sammlungen von Rätseln und Zaubertricks, eine Weltgeschichte des Tanzes und eine des Theaters, Eskimomärchen und das "Große Haus- und Familienbuch der Spiele" von Robert Lemke. Was Spiel alles ist und was nicht, darauf will Eichler sich nicht festlegen. Im Leben der Völker gebe es, so will Eichler gefunden haben, vielfältige Bezeichnungen für Spielformen. Man habe noch nicht einmal begonnen, sie zur Kenntnis zu nehmen. Die Vereinheitlichung des Begriffs "Spiel" sei typisch für Gesellschaften mit einem zentralen, verbindlichen Ideal von "Ernst", etwa die römische Antike mit ihrem "virtus"-Konzept oder auch das spielbegeisterte, vom Ernst der Kirche geprägte Mittelalter, vollendet in der modernen Industriegesellschaft mit ihrem zentralen Ernst-Ideal des Fortschritts, das für Spiel nicht mehr offen ist. Eichler: "Wir sollten wieder das einfache Spiel pflegen, in allen Lebensbereichen."

Seine Abneigung gegen das Etikett "Spiel" bewahrt ihn allerdings nicht davor, es trotzdem zu verwenden. "Ich gebe zu, daß das inkonsequent ist", entschuldigt er sich. "Aber noch komme ich ohne den Begriff nicht aus. Vielleicht werden ja einmal bessere entwickelt." Nicht nur die Definition des Spielbegriffs mißfällt Eichler an Huizingas "Homo Ludens": Huizinga macht den Wettkampf zum zentralen Begriff seiner Theorie. Aus ihm leitet er so gut wie alle Kulturphänomene her, das Gerichtswesen, den Krieg, die Börse, die Poesie oder die Mythen, die er mit religiösen Rätselspielen in Verbindung bringt.

Eichler will den Wettstreit nicht in den Mittelpunkt stellen. Allen Spielen gemeinsam sei in erster Linie die Offenheit des Ausgangs. Wird es glücken? Die Ungewißheit macht die Sache spannend. Aber es gibt mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen. Die erste ist, es dem Schicksal, den Göttern zu überlassen. Das wäre das Glücksspiel, das Orakel, das Gottesurteil. Oder man kann versuchen, den Ausgang durch persönlichen Einsatz zu beeinflussen. Auch zusammen mit anderen, zum Beispiel, indem eine Gruppe einen Ball möglichst lange in der Luft hält. Oder gegen andere: Das ist der Wettkampf.