Von Iris Radisch

Sascha Sokolows Roman "Die Schule der Dummen" ist ein dummes Buch. Es handelt von einem Dummen, es ist aus seiner Perspektive geschrieben, es ist einem geistesschwachen Jungen gewidmet, und es ist ein Meisterwerk.

Vor zwanzig Jahren ist es in einem Forsthaus, irgendwo in den russischen Wäldern, entstanden, 1976 in Amerika und 1977, in einer wunderbaren Übersetzung von Wolfgang Kasack, in Deutschland erschienen. Nahezu unbemerkt. Heute lebt Sokolow in Amerika, irgendwo in den Wäldern von Vermont, ist gerade fünfzig Jahre alt geworden und für Journalisten nicht zu sprechen. Er hat noch zwei Bücher geschrieben, "Zwischen Hund und Wolf" und "Palisandrija", die unbedingt übersetzt und verlegt werden müssen (Auszüge daraus sind im Schreibheft Nr. 36 zu lesen). "Die Schule der Dummen" wurde jetzt in Deutschland wieder aufgelegt. Diesmal sollte man hinsehen.

Zunächst sieht man wenig. Ein paar Datschen, alte Fahrräder, sandige Wege, Kiefern, Gras, Holz, einen weißen Himmel: irgendeinen Ort, eine Siedlung im Matsch, fern von Moskau.

Es ist feucht, ein Geruch nach Leim, Papier, Honig, Stiefelleder und Birnen liegt in der Luft, man fährt mit dem Rad zum Bahnhof, die groben Hosen kratzen an den Beinen. Abends kommen die Leute mit dem Vorortzug angefahren, sie atmen schwer, schleppen volle Einkaufsnetze. Später gehen sie im Pyjama durch den Garten. Sonderschüler soundso (einen anderen Namen hat er nicht) treibt sich am Fluß herum und besucht "die Schule der Dummen". Er trägt Hosen mit Aufschlägen, eine zweireihige Jacke mit vier Knöpfen und halbhohe Schnürschuhe mit Metallhaken. Er sammelt Schmetterlinge, die er selber fängt. Und er lebt zusammen mit Papa und Mama.

Das alles ist, rein literarisch gesehen, nicht unbedingt meldepflichtig. Aber wer hier sieht und spricht und schreibt, ist kein Autor, sondern ein pubertierender Junge von beschränkter Geisteskraft – oder jedenfalls ein Autor in der Rolle eines pubertierenden Jungen von beschränkter Geisteskraft. Denn der Roman ist ein Fall von simulierter Dummheit, von inszenierter Idiotie.

Idioten hat es in der Literatur, von Dostojewskij bis Kempowski, häufig gegeben, trommelnde, schwadronierende, spießige, plappernde, reisende, naive, kindliche und kleinliche Leute. Aber selten ist der Dumme als Erzähler aufgetreten, meistens trottet er am Zügel seines intelligenten Autors durch den Roman: ein lebendiger Beweis einer "anderen", einer wilden, vielleicht einer besseren Welt, ein wirrer Abgesandter aus Arkadien, der sich im modernen Leben nicht zurechtfindet und dessen verwunschene Gedanken von einem mitfühlenden Autor ins Kulturamtssprachliche übertragen wurden.