Von Dieter E. Zimmer

Für ein "Abbild des Todes" halten mit Ovid viele den Schlaf. Gerade das ist er ganz und gar nicht: eine sich Nacht für Nacht wiederholende Pause im Leben. Vielmehr ist er ein notwendiger, aktiver Lebensvorgang, wenn auch unter weitgehender Ausschaltung des Bewußtseins, ohne den es ein gesundes, waches Leben nicht gibt. Eine bloße Pause könnte ebensogut ausfallen; der Schlaf kann es nicht. Schlafstörungen sind eine so stille wie universale Plage – und sie sind es besonders im Alter.

Erstmals läßt sich der Umfang des Problems jetzt genauer übersehen. Freiburger Wissenschaftler unter Federführung von Fritz Hohagen befragten in 30 Mannheimer Allgemeinarztpraxen über 1800 Patienten nach ihrem Schlaf, darunter 330 über 65jährige. 59 Prozent von ihnen (im Vergleich zu 50 Prozent unter den Jüngeren) litten unter Schlafstörungen. Fast die gesamte Zunahme ging auf das Konto der nach internationalen Kriterien "schweren Insomnien", den Schlafstörungen, bei denen man mindestens dreimal die Woche und mindestens einen Monat lang so große Ein- oder Durchschlafschwierigkeiten hat, daß das Tagesbefinden merklich beeinträchtigt ist. Genau ein Viertel aller über 65jährigen leidet unter einer solchen schweren Insomnie, und wenige nur sucht sie plötzlich heim; bei 88 Prozent von ihnen ist der Schlaf über viele Jahre hin erodiert. Jenseits der 75 scheint er sich dann meist nicht weiter zu verschlechtern. Bei etwa der Hälfte seiner schlafgestörten Patienten weiß der Hausarzt übrigens gar nichts von deren nächtlichem Ringen, und selber diagnostiziert er es nur ganz selten.

Auf welche Weise der Altersschlaf gestört ist, läßt sich heute ebenfalls recht genau übersehen. Typisch sind Durchschlafstörungen: Man wacht Morgen für Morgen viel zu früh auf und hat dann Mühe, wieder einzuschlafen. Auch büßt der Rhythmus von Wachen und Schlafen mit dem Alter seine Flexibilität ein: Man kann nicht mehr nach Lust und Laune von seinem eingefahrenen Schlafstundenplan abweichen.

Werden alle Schlafepisoden des Tages mitgezählt, scheint die Gesamtschlafdauer im Alter zwar nicht oder nur wenig abzunehmen. Aber während sich in der Kindheit der zunächst im Vier-Stunden-Takt über den ganzen Tag verteilte Schlaf immer mehr zu einem einzigen großen Nachtblock konsolidiert (in einigen Kulturen mit einer zusätzlichen mittäglichen Siesta), zerfällt dieser im Alter wieder: Man schläft in Etappen, und zwischendurch liegt man frustriert wach und sehnt das nächste Fragment herbei. Was deutlich abnimmt, ist also die sogenannte Schlafeffizienz, der Anteil der Schlafenszeit an der Bettzeit.

Es ändert sich auch die Schlafstruktur. Vor allem der Tiefschlaf wird im Alter weniger, jene jede Nacht vier- bis fünfmal zyklisch wiederkehrende Schlafphase, die sich im EEG durch langsame Wellen zu erkennen gibt: Der tiefste Schlaf, das Stadium NonREM4, verschwindet ganz, Non-REM3 wird reduziert. Dafür nimmt NonREMl überhand, bei dem der Schläfer dicht unter der Oberfläche des Wachens dahintreibt. Entsprechend sinkt die Weckschwelle, besonders für akustische Reize – schon leise Geräusche wecken jetzt den Schläfer. Bei Männern setzen die altersbedingten Schlafveränderungen im allgemeinen früher ein und fallen stärker aus; Frauen aber klagen viel häufiger über Schlafstörungen – ein unerklärtes Phänomen.

Jedenfalls handelt es sich durchaus nicht nur um ein subjektives Gefühl: Alte Menschen liegen tatsächlich länger wach, und wenn sie schlafen, ist ihr Schlaf weniger tief.