Von Adam Krzeminski

Warschau

Wird der Westen uns Ostmitteleuropäer wieder einmal verraten? Werden die Deutschen wieder zu den Russen unter die Decke kriechen, mit entsprechend verhängnisvollen Folgen? Werden in fünfzig Jahren unsere Enkel die europäische Machtpolitik ebenso verfluchen wie einst unsere Großväter?

Solche Fragen werden in Ostmitteleuropa wieder gestellt. Die westlichen Strategen, Friedensforscher und Leitartikler haben sie bislang geflissentlich als polnische (tschechische, ungarische) Paranoia überhört und sich von ihrem Rußland-Trip nicht abhalten lassen. Während in den deutschen Medien der Ruf "Helft Jelzin!" laut wurde, da der Westen die russische Demokratie stabilisieren müsse, redete in Warschau der deutsche Chefdiplomat, früher auf geschmeidige Symbolik bedacht, Klartext. Als sein polnischer Amtskollege andeutete, daß es vielleicht angebracht sei, wenn der Bundeskanzler zwischen seinen immer intensiveren Gesprächen mit Jelzin auch einmal eine Stippvisite in Warschau einschöbe, antwortete der Deutsche entwaffnend undiplomatisch: Keine Zeit, nur Moskau zählt...

Das ist kein Ausrutscher mehr. Das ist das neue deutsche Selbstbewußtsein, zu dem seit drei Jahren überall in Deutschland aufgerufen wurde. "Wie are the global players between Washington and Wladiwostok ..." sagte unlängst ein deutscher Politologe, der sonst gerne historische Analogien bemüht, ohne es allerdings allzu genau zu nehmen mit manchen "Details" der deutschen Geschichte. Auch die deutsche Publizistik schwärmt großräumig: pazifisches Zeitalter, japanische Herausforderung, asiatische "Tiger", Rückzug Amerikas aus Europa und – wo ist der Sheriff des "Wilden Ostens" von Europa?

Und wieder zählen nur big guys. Endlich können sich die Deutschen in den führenden Instituten, Beraterstäben und Redaktionsstuben standesgemäß im Gespräch von Admiral zu Admiral wähnen, ohne Zeit für die kleineren Chargen zu verlieren. Schon die Franzosen, hört man da gelegentlich, seien eine Nummer zu klein, zu kleinkariert, um Europa in die Zukunft mitzureißen. Wenn es denn sein muß, heißt es, übernehmen wir die Rolle des Libero und machen das europäische Spiel. Die deutsche Sprache in der Politik wird rauher, die in der Essayistik gewundener. Deutschland gebührten ein ständiger Sitz im Sicherheitsrat und eine "selbstverständliche Beziehung" zur Macht, sagen die Politiker. Und dieselben Schriftsteller, die Ende der achtziger Jahre eine Auffrischung Europas "von den Rändern her", von Portugal, Italien, Böhmen, Polen und Norwegen, besangen, sinnen nun darüber nach, daß sich die "geschlossene Gesellschaft" im Zugabteil gegen die Neuzugänge spreizt und die große Wanderung einen globalen Bürgerkrieg ankündigt, den man sich vom Leibe halten solle. Keine Schwärmerei mehr für die Revolutionäre in Havanna, Vietnam, Nicaragua und anderswo. Dafür aber Überlegungen, wie man "Illegale" in "sichere Drittstaaten" abschiebt.

Wahrlich ein Ende der Bescheidenheit, "Renationalisierung" war ja auch das Schlagwort der vergangenen Monate. Nicht nur in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auch in der liberalen Süddeutschen Zeitung und, jawohl, auch in der ZEIT. Alte Bücher zur europäischen Strategie wurden hervorgekramt und alte Machtkonstellationen neu analysiert. Von der Zukunft der Vergangenheit war die Rede. Als hätte man uns Ostmitteleuropäer nicht noch vor kurzem belehrt, daß wir erst unsere "Europafähigkeit" beweisen, die Prüfung in Fächern wie multikulturelle Gesellschaft, Renationalisierung, freie Marktwirtschaft und deutsche Minderheit bestehen müßten. Die Quoten für Stahl, Textilien und Agrarprodukte waren kein Thema, dafür aber unsere fehlende demokratische Reife. In deutschen Zeitungen wurde ein Limes zwischen dem "postnationalen" Westen und den "prämodernen" östlichen Nationalismen gezogen und ein "Halbmond der Gewalt", der faktischen bis möglichen Bürgerkriege, gesichtet. Er soll von Bosnien über Ungarn, Rumänien, Moldawien, Georgien, die Ukraine und Litauen bis nach Polen reichen. Aber nicht weiter nach Rostock, Mölln und Solingen, denn die deutsche Gewaltwelle habe selbstverständlich andere Gründe und sei nur vorübergehend... Bei uns im "Wilden Osten" handle es sich um Konvulsionen nationalistischer Verirrungen, in Deutschland dagegen nur um soziale Konflikte einer durch illegale Einwanderer und "Scheinasylanten" überfremdeten Gesellschaft.