Von Volker Ullrich

Nun liegt sie abgeschlossen in fünf prachtvoll ausgestatteten und von Holger Fliessbach liebevoll übersetzten Bänden vor: die "Geschichte des privaten Lebens" von den Römern bis zur Gegenwart – eine historiographische Pioniertat, die man nicht genug rühmen kann. Was seit jeher im Schatten der Geschichtsschreibung lag, das wird hier erstmals in helle Beleuchtung gerückt: wie die Menschen wohnten, wie sie sich kleideten, ernährten und liebten, was sie sich erhofften und wovor sie sich ängstigten, wie sie ihre Feste feierten und mit Geburt, Krankheiten und Tod umgingen – Themen, um die Historiker lange Zeit einen Bogen geschlagen haben, weil sie ihnen allzu banal erschienen.

Es ist kein Zufall, daß diese Monumentalgeschichte des Alltags im wesentlichen von französischen Historikerinnen und Historikern erarbeitet worden ist. Denn in Frankreich hatte sich die Geschichtswissenschaft unter dem Einfluß der Annales-Schule früher als anderswo vom Primat der Politikgeschichte emanzipiert und der Gesellschafts- und Mentalitätsgeschichte zugewandt. Nur hier war – in jahrzehntelanger Praxis – das Forschungspotential erwachsen, das es erlaubte, ein so riskantes Unternehmen in Angriff zu nehmen. "Auf Schritt und Tritt" – so hat Georges Duby, einer der beiden Herausgeber der Gesamtausgabe, im Vorwort des ersten Bandes geschrieben – "lauerten Gefahren. Unvertrautes Gelände erwartete uns. Kein Vorgänger hatte das Quellenmaterial bereitet oder gar gesichtet – ein Material, das auf den ersten Blick von gewaltiger Fülle, aber unendlich weit verstreut schien. Wir mußten uns in das Dickicht wagen, das Terrain abstecken." Jetzt, wo wir das Ergebnis dieser Anstrengung besichtigen können, besteht kein Zweifel mehr, daß die Gefahren souverän gemeistert wurden.

Der fünfte Band, der das 20. Jahrhundert in den Blick nimmt, hält sich auf der Höhe seiner Vorgänger, ja er übertrifft sie noch in Anschaulichkeit und Dichte der Darstellung. Allerdings besaß das Autorenteam um Antoine Prost und Gérard Vincent auch einen Vorteil: Es konnte auf einen schier unerschöpflichen Fundus an Quellen zurückgreifen, nicht nur schriftlichen und bildlichen, sondern auch mündlichen. Denn viele Menschen, die zu Beginn des Jahrhunderts geboren wurden, leben heute noch. Sie können Auskunft geben über die dramatischen Veränderungen, die das private Leben in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat.

Wie im vierten Band haben sich die Autoren auch diesmal auf die französischen Verhältnisse konzentriert. Erst im vierten und letzten Kapitel wird der Blick über die nationalen Grenzen ausgeweitet auf das "schwedische Modell", auf die italienische Familie und den amerikanischen way of life, um gemeinsame und unterschiedliche Entwicklungsstränge deutlich zu machen. Deutschland taucht in diesen vergleichenden Studien nicht auf, vielleicht ein Hinweis darauf, wie fremd der ungeliebte (und nach der Vereinigung von 1990 wieder bedrohlich groß gewordene) Nachbar im Osten französischen Historikern immer noch ist.

Das private Leben ist kein Naturzustand; es bestimmt sich immer in der Differenz zum öffentlichen Leben, und die hat sich in verschiedenen Gesellschaften ganz unterschiedlich ausgebildet. Im ersten Kapitel steckt Antoine Prost die "Grenzen und Zonen des Privaten" ab. Er zeigt: Ein Privatleben zu haben, das war zu Beginn dieses Jahrhunderts noch ein Privileg des Bürgertums. Die unteren Klassen hatten, schon aufgrund beengter Wohnverhältnisse, keine Möglichkeit, ihr Dasein vor fremden Blicken abzuschirmen. Erst nach und nach wurde die Trennung des Privaten vom Öffentlichen "für alle Schichten der Bevölkerung zu einem strukturierenden Element ihres Alltags". Die Entmischung von Arbeiten und Wohnen, von Beruf und Familie trug dazu ebenso bei wie die Hebung des Lebensstandards mit vermehrter Freizeit, bezahltem Urlaub und vor allem einer deutlichen Verbesserung des Wohnkomforts für die breite Bevölkerung seit Mitte der fünfziger Jahre. Zum erstenmal konnten auch die Angehörigen unterer Sozialschichten häusliche Räume erobern, die für die Entfaltung einer Privatsphäre unabdingbar sind.

Gleichzeitig hat die Familie aber einen wesentlichen Teil ihrer "öffentlichen" Aufgaben auf die Gesellschaft, das heißt vor allem auf die Schule und andere Bildungseinrichtungen übertragen. Die Erziehungsfunktionen wurden schrittweise "entprivatisiert" – eine Entwicklung, die nicht nur positiv zu sehen ist, denkt man etwa an die soziale Bindungs- und Orientierungslosigkeit von Jugendlichen heute.