Mitten in Hamburg-Altona steht auf einem leerstehenden Grundstück eine Wagenburg. Ob es sich bei diesem "Wohnprojekt" mehr um eine Widerstandsmaßnahme gegen den "Vereinzelungsterror" in der Sozialbauwohnung handelt oder um ein Auffangbecken für Obdachlose und Drop-outs, ist schwer zu sagen. Am 31. Januar jedenfalls wollten einige der Bewohner abends Baumaterial "sammeln" gehen. Offenbar in angeheiterter Stimmung fuhren sie mit ihrem Trecker und einem Anhänger los. Unglücklicherweise fiel der pittoreske Umzug gleich einer Polizeistreife auf, weil der Mann am Steuer, ein Herr V., das Gefährt trotz der geringen Geschwindigkeit von fünfzehn Stundenkilometern nicht recht unter Kontrolle hatte. Also baten die Polizisten in den Peterwagen zur Alkoholkontrolle. Kaum eingestiegen, alarmierte Herr V. seine Kumpane. Diese umringten den Wagen drohend und mit Baumaterial bewaffnet. Der Führerschein steht offenbar auch bei Autonomen hoch im Kurs, denn, um seinen Freund vor seinem Verlust zu schützen, zückte Thomas K. ein riesiges Bowie-Messer und Christian D. warf eine mitgebrachte Kettensäge an.

Als die Beamten die Säge röhren hörten, bekamen sie Angst. Sie hielten sich an die gebotene "Verhältnismäßigkeit der Mittel" und ließen den Betrunkenen erst mal laufen. Über Funk herbeigerufene Zivilbeamte konnten Christian D. und Thomas K. kurz darauf festnehmen, trotz Motorsäge und Messer wurden sie später wieder auf freien Fuß gesetzt. Offenbar um ihre Freiheit nicht zu riskieren, blieben beide auch ihrem Termin im Altonaer Amtsgericht fern.

Thomas K. hat dem Gericht gleich eine ganze Reihe von Briefen geschrieben, um darzulegen, warum er unter keinen Umständen zu seiner Verhandlung erscheinen könne. Demzufolge hat er sich im Oktober dieses Jahres, rechtzeitig vor Einbruch des Winters, vom selbstbestimmten Leben in der Wagenburg verabschiedet. Heim bei Muttern hat er einen Job bei einer Holzfirma in Schleswig-Holstein gefunden. Nun habe er weder Geld für die Zugfahrt, noch würde sein Arbeitgeber ein "unentschuldigtes" Fernbleiben von der Arbeitsstelle tolerieren. Zum Beleg liegt ein Schreiben der besorgten Mama bei, die sich sehr freut, daß ihr "Jung" seinen Lebenswandel ändern wolle und "endlich" arbeite.

Auch Christian D. hat an einer ähnlichen Entschuldigung Gefallen gefunden. Er arbeitet zwar nicht, hat dem Richter aber tags zuvor auf dem offiziellen Schriftbogen der Grünen/Alternativen Liste in Hamburg mitgeteilt, just am Verhandlungstage habe er "leider" zwei Bewerbungsgespräche. Sein Brief schließt mit der Aufforderung zum Verständnis und einem Hinweis auf die schlechte konjunkturelle Situation.

Der Richter macht nicht den Eindruck, als wolle er sich veralbern lassen. Keineswegs wolle er immer "bitte, bitte" sagen, damit sich die Beschuldigten irgendwann einmal in den Gerichtssaal bequemten, brummt er vor sich hin. Das Verfahren des "harmloseren" Thomas K. wird abgetrennt, er bekommt einen Strafbefehl in Höhe der gesetzlichen Mindeststrafe, ein halbes Jahr. Das macht 180 Tagessätze zu jeweils 30 Mark. Für einen Hilfsarbeiter sind die 4800 Mark Strafe wahrscheinlich kein froher Gruß unter dem Weihnachtsbaum. Wenn ihm das zuviel sei, könne er sich ja melden, kommentiert der Richter ungerührt. Christian D., der Mann mit der Kettensäge, kommt weniger glimpflich davon. Bei ihm wird die Polizei demnächst vor der Tür stehen. Unabhängig davon, ob seine angeblichen Bewerbungen Erfolg hatten, muß er Weihnachten und Neujahr in Haft verbringen.

Aber auch dem Treckerfahrer V. hat die Befreiung wenig Glück gebracht, er starb ein paar Monate später bei einem Verkehrsunfall. Ob er wieder angetrunken war, wußte auch der Richter nicht. Gernot Kramper