Von Stefan Weidle

Der amerikanische Offizier war verblüfft. "Wer zum Teufel sind Sie?" fragte er 1945 in Tokio den Europäer, der plötzlich in japanischer Uniform vor ihm stand. "Ich bin der Dolmetscher", bekam er zur Antwort. Jener Dolmetscher hieß Klaus Pringsheim, er lebt heute als Professor für japanische und chinesische Politik in Kanada. Wie er vor knapp fünfzig Jahren nach Japan und in eine viel zu kleine japanische Uniform gekommen war, ist eine lange, verwickelte Geschichte:

Klaus Pringsheim wurde 1923 in Berlin geboren, sein Vater war der Komponist und Dirigent Klaus Pringsheim, Zwillingsbruder Katia Manns. Sein Großvater war der Mathematiker Alfred Pringsheim. Eine sorgenfreie Kindheit verspricht in eine sorgenarme Existenz zu münden, als plötzlich das Jahrhundert reißt. Hitler kommt an die Macht, und nichts ist mehr, wie es hätte sein sollen.

Zu diesem Zeitpunkt war der Vater bereits in Tokio, als Generalmusikdirektor an der kaiserlichen Akademie. Seine Kinder müssen der jüdischen Abstammung der Familie wegen Deutschland verlassen. Der fünfzehnjährige Klaus reist allein ins fremde Land. Nach Kriegsausbruch verlangen ihn die Nazis zurück, er soll zur Armee; er weigert sich und wird in absentia zum Tode verurteilt. Auch in Japan wird er verurteilt: Er ist Richard Sorge, dem Meisterspion Moskaus, begegnet. Die japanischen Behörden halten ihn für einen Komplizen und werfen ihn ins Gefängnis.

"Man hat mich eigentlich gut behandelt", erinnert sich der Siebzigjährige an das halbe Jahr im Gefängnis. "Ich wurde nur zweimal geschlagen. Das Schlimmere war, daß ich gegen Kriegsende nichts mehr zu essen bekam." In seiner bislang unveröffentlichten Autobiographie mit dem Titel "Who The Hell Are You?" beschreibt er, wie er die eigenen Haare aß, seine Fingernägel, Hautfetzchen. Dem Hungertod nahe, wird er freigelassen. Monate später kehrt er als Dolmetscher der Amerikaner zu seinem Gefängnis zurück und bedankt sich bei den Wärtern, die ihn überleben ließen. Die Fremde ist fast schon Heimat.

Klaus Pringsheim hat 1946 mit seinem Vater Japan verlassen, um in die USA überzusiedeln, aus materiellen Gründen. Das Affidavit, das sie dazu benötigen, kommt von Thomas Mann. In sein Haus in Pacific Palisades geht denn auch die Reise, und dort wohnt Klaus Pringsheim bis zu Thomas Manns Rückkehr nach Europa. Er sitzt an jener legendären Tafelrunde, wo, wie Hans Sahl einmal bissig formulierte, Thomas Mann "das Brot der Grammatik mit den Seinen brach".

Er ist der Jüngste und Ungebildetste. Die scharfzüngige Cousine Erika fährt ihm oft genug über den Mund. Und doch ist er hier zu Hause, auch heute noch, obwohl er in Kanada lebt. Sein geräumiges Haus, in Orleans bei Ottawa ist angefüllt mit Büchern in diversen Sprachen. Im Keller steht ein großes Regal mit den Werken der Familie, hauptsächlich natürlich Thomas Manns. Gern zeigt er die Widmungen von "Onkel Tom". Immer wieder liest er in diesen Büchern, um sich in der deutschen Sprache zu üben – deutsche Freunde hat er nicht in Kanada. Er sagt von sich: "Ich habe eigentlich immer in einer Art von kulturellem Kokon gelebt, ich war immer von den Büchern von Thomas Mann, von der Musik Richard Wagners und den intellektuellen Interessen der Pringsheim-Familie umzingelt und wollte aus diesem Kokon nie heraus."