Von Dieter E. Zimmer

Weihnachten – so süß und sentimental wie erwünscht war das damals schon, aber nicht nur. Für den kleinen Berliner Jungen, der ich in den dreißiger Jahren war, war es immer auch eine quälende Herausforderung an die Logik. Ostern war da ein leichterer Fall: Warum zur Feier der Hinrichtung und Auferstehung des Sohnes des Gottes ein Hase bemalte Hühnereier legt und ausgerechnet unter unserer Kredenz versteckt, lag von vornherein jenseits jedes Fassungsvermögens. Weihnachten, schien mir, nicht ganz; außerdem wog es schwerer.

Die Hauptfrage war natürlich, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt. Ich erinnere mich, einmal zu dem endgültigen Schluß gekommen zu sein, daß es ihn geben muß. Der scharfsinnige Grund war, daß diese verzankten Erwachsenen zu einer so umfassenden Konspiration der Lüge einfach nicht imstande wären.

Das logische Problem aber fing da erst richtig an. Wenn es ihn gab, wie sollte er die ganze Straße, die ganze Stadt, die ganze Welt in ein paar Stunden schaffen? Gab es ihn also im Plural? War sein Name Ruprecht? Oder war das ein anderer? Und war er oder dieser andere derselbe wie "Der Nikolaus", der unhygienischerweise achtzehn Tage früher Süßwaren in Schuhe steckte? Und in welcher Beziehung standen diese ein bis drei bärtigen Männer zu dem Christkind? "Es kam aus dem Walde, die Mütze voll Schnee, mit rotgefrorenem Näschen, und die kleinen Händchen taten ihm weh, denn es trug einen Sack, der war gar schwer..." Ich mußte das dem Weihnachtsmann vortragen, und der ließ es sich gefallen, obwohl es ihm doch seinen Part streitig machte – und sowieso eine logische Zumutung war: ein Säugling, der mit einem Sack voller Äpfel und (riechender!) Nüsse durch den verschneiten Wald astet...

Alles, was man über Weihnachten wissen wollte und nicht zu fragen wagte (man hätte auch keine Antwort bekommen), als Erwachsener darf man es fragen. Dieses ganze Kuddelmuddel der Weihnachtsmythen: Es hat keine Methode, aber eine Geschichte. Sie ist eine einzige Serie von absichtlichen und unabsichtlichen Mißverständnissen.

Zunächst das Kalendarische. Warum gerade dieser Tag? Jesu Geburtsdatum ist schlicht unbekannt: Tag, Monat, Jahreszeit, selbst das Jahr. Bis die Kirchenväter im 4. Jahrhundert beschlossen, daß er von Geburt an göttlich gewesen sei, wurde sein Geburtstag auch nicht gefeiert, sondern Epiphanias, der Tag seiner Gottwerdung, seiner Taufe im Jordan. Die aber wurde auf den 6. Januar gelegt, weil in Caesars seit 46 v. Chr. geltendem julianischem Kalender das Jahr am 1. Januar begann, die ersten Christen diesen mit dem ersten Schöpfungstag gleichsetzten und am sechsten der Mensch geschaffen worden war.

Als dann nach 354 auch ein Geburtstagsfest angesagt war, wurde es aus mehreren Gründen auf den 25. Dezember plaziert. Einmal hielt Caesars Kalender diesen Tag für den kürzesten des Jahres, die Wintersonnenwende – schlicht ein Irrtum. Zum anderen wurde er schon gefeiert, und da das junge Christentum jene heidnischen Feste nicht ausmerzen konnte, funktionierte es sie in seinem Sinn um. Vom 17. bis 24. Dezember fanden die römischen Saturnalien statt: Gelage, bei denen die Herren ihre Sklaven bedienten und sich gegenseitig Kerzen und Püppchen aus Ton und Wachs schenkten. Der 25. war zudem der Geburtstag des Mithras und damit der Hauptfeiertag der offiziellen Mithras-Religion, eines rein maskulinen Mysterienkultes, dem römische Soldaten von Persien bis Britannien anhingen. Er galt dem Gott der staatlichen Ordnung, der zugleich die unbesiegbare Sonne (Sol invictus) war, und gipfelte in der Opferung eines Stiers. Auf ihrem Weg nach Norden übernahm die christliche Geburtstagsfeier dann wohl noch manchen heidnischen Sonnwendbrauch. Im alten England wurde zu Weihnachten auf einer Schüssel ein Eberkopf serviert und noch im vorigen Jahrhundert im Kamin ein Julklotz entzündet.