Von Wolfgang Zank

Noch nie ging es Dänemarks Senioren so gut wie heute, fand kürzlich eine Kommission im Auftrag der Regierung heraus. Dabei gelten die Dänen in Europa ohnehin als Spitzenreiter bei der Altenpolitik. Jeder Däne und jede Dänin über 67 erhält unabhängig vom früheren Einkommen eine sogenannte Volkspension aus Steuermitteln. Hat der Betreffende sonst kein Einkommen, gibt es noch einen Zuschlag: zusammen rund 1250 Mark. Hinzu kommen einige hundert Mark an Wohngeld, Wärmezuschuß und diversen Gratisleistungen.

Senioren, die früher berufstätig waren, kassieren darüber hinaus eine – eher bescheidene – Arbeitsmarktrente, und etwa ein Drittel, bei steigender Tendenz, beziehen Einkommen aus zusätzlichen Pensionsvereinen. Altersarmut gibt es in Dänemark nicht, einkommensschwachen Dänen geht es im Alter vergleichsweise gut, aber Gutverdienende sind in der Regel in Deutschland nach der Pensionierung bessergestellt. Insgesamt ist das dänische Rentensystem kaum aufwendiger als das deutsche, aber es verteilt stärker um.

Darüber hinaus haben die Dänen in den letzten Jahrzehnten ein umfangreiches Servicenetz für die Alten aufgebaut. Senioren, die nicht mehr selbst klarkommen, erhalten gratis Besuch von einer kommunalen Hausgehilfin, die saubermacht, Essen bereitet oder den Einkauf erledigt. Wenn nötig, kommen auch Krankenschwestern und Therapeuten vorbei. Handwerker erweitern auf Kosten der Kommune die Türen, so daß ein Rollstuhl durchpaßt, oder versetzen das Waschbecken.

Siebzehn Prozent aller alten Menschen werden in Dänemark auf diese Weise in der eigenen Wohnung betreut. In Westdeutschland sind es gerade drei Prozent, in den Mittelmeerländern weniger als ein Prozent. Und nirgendwo sind die verschiedenen Serviceleistungen für die Alten so gut miteinander koordiniert wie in Dänemark. Für die Alten, die beim besten Willen nicht mehr in der eigenen Wohnung bleiben können, gibt es Pflegeheime. Dort arbeiten 50 000 gutausgebildete Kräfte. Rechnerisch entfallen auf eine Pflegeperson nur 1,3 Betten, hierzulande sind es drei. In Deutschland ist Pflege und Betreuung der Alten immer noch in erster Linie Aufgabe der Familien. Die Angehörigen sind dazu sogar gesetzlich verpflichtet, der Sozialstaat greift nur ausnahmsweise ein. Auch die geplante Pflegeversicherung wird daran nur wenig ändern. Leidtragende sind alleinstehende Alte, ärmere Familien und vor allem die Frauen, an denen die Pflege meist hängenbleibt. In Dänemark zog man daraus schon vor vielen Jahren die Konsequenz und erklärte die Altenbetreuung zur öffentlichen Aufgabe.

Familie und Wohlfahrtsstaat können sich gut ergänzen. Bent Rold Andersen, mittlerweile selbst pensionierter Sozialforscher und früherer Sozialminister: "Die kommunale Hausgehilfin übernahm die praktischen täglichen Dinge und achtete auf Gesundheit und Wohlbefinden meiner Mutter. Meine Frau und ich luden meine Mutter einmal in der Woche zum Essen ein, nahmen sie jeden Samstag zum Markt mit und fuhren mit ihr zu Familientreffen und ähnlichem. Zusammen mit meiner Mutter traf ich mich regelmäßig mit der Hausgehilfin und der Hauskrankenschwester, wo wir unsere Ideen austauschten und gemeinsam planten." So gut klappt es zwar nicht immer. Aber angeblich klagen in Dänemark weniger als fünf Prozent der alten Menschen über häufige Einsamkeit – der niedrigste Wert in der Europäischen Union.

Das Motto der dänischen Altenpolitik lautete in den achtziger Jahren: "So lange wie möglich zu Hause." Darum wurde die Betreuung in der eigenen Wohnung ausgebaut und viele Pflegeheime geschlossen. Die Politiker hofften, dabei per Saldo Geld sparen zu können. Das war ein Irrtum. Pia Poulsen, Hausgehilfin in Aalborg: "Ich betreue unter anderem eine alte Dame im Alter von 93 Jahren. Sie hat vergessen, wie man Essen warm macht, den Herd anstellt und so weiter. Ich komme dreimal am Tag vorbei, wärme das Essen und koche Tee. Außerdem ist die Krankenschwester oft da, abends steht der Bereitschaftsdienst auf der Matte und dann der Nachtdienst." Derart personalintensive Betreuungsfälle sind teuer. Aber solange ältere Menschen keine Gefahr für sich oder ihre Umgebung darstellen, können sie zu Hause bleiben. "Sie würde sterben, wenn wir sie in ein Heim stecken."