Mit Weihnachten ist Schluß. Wir können dieses Theater beim besten Willen nicht mehr ertragen, dieses maßlose Geschenkekaufen, die mit Buden zugebauten Straßen, den penetranten Geruch nach Glühwein und Fischbrötchen. Noch ein einziges Mal "Ihr Kinderlein kommet" aus dem Kaufhauslautsprecher, und wir gehen die Tanne hoch.

Am besten, wir verschwinden. Möglichst irgendwohin, wo sich kein Mensch um dieses Fest schert. Tunesien, Marokko, Oman? Vielleicht Kenia? Eigentlich ganz egal, Hauptsache, das Christkind lauert uns nicht auf.

Mal angenommen: Heiligabend im Liegestuhl unter afrikanischer Sonne und weit und breit kein Weihnachtsmann. Am ersten Feiertag im Geländewagen durch irgendeinen Nationalpark. Was wir am zweiten Weihnachtstag unternehmen, steht allerdings noch nicht fest. Auf jeden Fall muß es ziemlich exotisch sein. Denn sonst könnte es passieren, daß uns die Sentimentalität womöglich doch noch übermannt. Uns, spätestens nach einem Anruf bei der Familie, die ganz selig von weißer Weihnacht schwärmt, Heimweh in seiner schwersten Form anspringt. Nämlich die kaum mehr zu bändigende Sehnsucht nach Printen und Puterbraten, nach Glöckchengebimmel und Kerzenschein, nach Tannenduft und Kamingeprassel.

Besonders Tannenduft. Palmen sind an und für sich eine ganz hübsche Sache, aber unserem guten alten Weihnachtsbaum können sie wohl kaum das Wasser reichen. So zeigt sich, wie schwierig es ist, dem Bannkreis des Christfestes zu entkommen, selbst wenn man’s noch so weit hinter sich läßt.

In einer solchen Situation freut es einen natürlich doppelt, wenn jemand Vorsorge trifft für diesen rührseligen Zustand, der so sicher kommen wird wie das Amen in der Kirche. Eine Charterfluggesellschaft ist es, die ihre helfende Hand ausgestreckt hat, die Verständnis zeigt für unsere überbordenden Gefühle. "Mit Weihnachtsbaum in den Urlaub", schreibt uns diese Firma wunderbarerweise, und zwar "ohne. Zusatzkosten". Wir haben sogar die Wahl zwischen "Tanne oder Fichte", und alles, was verlangt wird, ist, daß diese "im Netz angeliefert werden" müssen und nicht "größer als 100 Zentimeter sein" dürfen. Fabelhaft.

Wir können aufatmen, denn dank dieser großartigen Idee löst sich alles zu unserer vollen Zufriedenheit. Herrlich, sich ein solches Weihnachten auszumalen. Irgendwo in der Nähe von Mombasa, in einem Beach-Club vielleicht, draußen am Strand brechen sich die Wellen, und drinnen im Bungalow schmücken wir unseren mitgebrachten Baum mit den mitgebrachten Kugeln, dem Engelshaar und den leider schon etwas hitzegeschädigten Kerzen. Gelegentlich nippen wir an einem farbenfrohen Cocktail, und während wir die Marzipankartoffeln für das Personal portionieren, klingt von ferne Löwengebrüll zu uns herüber.

Aber das Allerschönste, das haben wir ja noch gar nicht verraten. Wir wollen am Heiligen Abend all den Kellnern und den Zimmermädchen, dem Bademeister und dem Wildhüter deutsches Weihnachtsliedgut nahebringen. Mal überlegen, was sie am schnellsten nachsingen könnten. Ach ja, natürlich: "O Tannenbaum".

Brigitte Wolter