Da hat doch etwas gefehlt in dem zu Ende gehenden Jahr. Was war das noch? Ja, weshalb immer wieder die Hoffnung, gleich gehe die Tür auf, Er komme herein – und gewisse politische oder kulturelle Peinlichkeiten seien zu Ende?

Er ist nicht erschienen. Wir brauchen ihn aber. Alle. Dringend. Und so malen wir seinen Namen auf ein Stück Papier und legen es als Wunschzettel vor das Fenster.

Wer ist "Er"? "Er" kann auch "Sie" sein. Aber Er/Sie hat keinen Namen. Schon vor 400 Jahren mußte ein englischer Lordkanzler, der als Philosoph und Schriftsteller bekannte Francis Bacon, in dem Essay "Über die Freundschaft" ein Ideal-Bild entwerfen:

"Verstopfungen und Stauungen sind höchst gefährlich für den menschlichen Körper. Nicht viel anders ist es mit dem Geiste. Man kann wohl Sassaparille (so nannte man damals ein Heilmittel, das aus der Wurzel eines mittelamerikanischen Liliengewächses gewonnen wurde) – Sassaparille also gegen die Verstopfung der Leber, Stahl gegen die der Milz, Schwefelblüte für die Lungen, Bibergeil für das Gehirn einnehmen. Aber keine Arznei erschließt das Herz so sehr wie ein treuer Freund, dem man seine Leiden und Freuden, Ängste und Hoffnungen, seine Sorgen und Geheimnisse gleichsam wie in einer Art von weltlicher Beichte bekennen kann."

Wie anders könnten wir jetzt Weihnachten feiern, wenn der Bundeskanzler einen solchen Beichtvater gehabt hätte. Nachdem er sich, ohne Partei, Fraktion oder Koalitionspartner zu befragen und ohne sich selber gründlich kundig zu machen, in herrscherlicher Einsamkeit für seinen Kandidaten Steffen Heitmann erklärt hatte, spürte der sensible Taktiker, der sich in dem gewaltigen Mann verbirgt, sofort, daß er etwas falsch gemacht hatte. Ein deutscher Politiker, gar mit der Adresse Kanzleramt, kann aber nichts falsch machen. Also muß die Entscheidung verteidigt und ausgesessen werden.

Welches Schauspiel an Geistes- und Urteilsschwäche, an politischer Borniertheit und Entschlußunfähigkeit haben uns Kohl und seine Laientruppe geboten! Am Ende waren alle beschädigt: Kanzler und Kandidat, Koalition und Politiker-Kaste, Präsidentenamt und Publikum.

Nun sitzt Heitmann in Dresden unterm Weihnachtsbaum und schnullert sich Trost aus der Zigarre. In Oggersheim feixt Kohl bei Zimtsternen und Mandelbrötchen gegen das anschwellende Geraune von der "Kanzlerdämmerung". Und wir träumen unter Tannengrün von dem "Freund", der all den von Machtbesessenheit verstopften Politikern, Barzel und Barschel, Filbinger und Späth, Münch und Perschau, Möllemann und Stoltenberg, – rechtzeitig – die "weltliche Beichte" abgenommen und sie mit Sassaparille-Pastillen des Zuspruchs und dem Bibergeil der Beredsamkeit wieder zu Vernunft und Verantwortungsgefühl gebracht hätte.