Von Thomas Kleine-Brockhoff

Als sie das Haus zum ersten Mal sah, ist ihr die Frage nach der Grünen Linie gar nicht in den Sinn gekommen. Ein einziger Blick genügte, und Angelika Schrobsdorff war fest entschlossen: Hier, in diesem alleinstehenden Haus auf dem Hügel von Abu Tor, hier oder nirgends wollte sie wohnen. Allein das Berauschende des Blickes: in der Ferne dunkel die Berge Moabs, von deren Höhen Moses und die Kinder Israels nach vierzig Jahren Marsch durch die Wüste auf das Gelobte Land heruntergeblickt hatten. Davor hell und sandig die kahlen Hügel der judäischen Wüste, ganz vorn die Silhouette Jerusalems mit Ölberg und Felsendom, der in allerlei grünen, blauen und goldenen Schattierungen herüberschimmerte.

Es dauerte nur zwei Wochen, bis der Kaufvertrag aufgesetzt war und die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff, geboren in Freiburg, aufgewachsen in Berlin und 1939 von dort verjagt, in Jerusalem eine Wohnung gekauft hatte. Sogleich begannen ihre Freunde zu fragen: Eine Wohnung in Abu Tor? Diesseits oder jenseits der Grünen Linie? Was keine nebensächliche Frage war, denn jenseits der Grünen Linie beanspruchen die Palästinenser das Land für die Hauptstadt ihres Staates.

Angelika Schrobsdorff fand heraus, daß ihr Haus nicht auf altem arabischen Gelände liegt, sondern zwischen Unabhängigkeitskrieg 1948 und Sechstagekrieg 1967 ein Vorposten der israelischen Armee war. Auf ihrer Dachterrasse hatten in den neunzehn Jahren der Teilung Jerusalems Soldaten hinter Sandsäcken gelegen und den jordanischen Vorposten in dem Haus auf der anderen Straßenseite beobachtet. Hinter dem knorrigen Baum im Garten verlief einst die Grenze: Stacheldrahtverhaue und Minenfelder, denen irgendein Frohsinniger den Namen Grüne Linie verpaßt hatte.

Rein äußerlich erinnerte nichts mehr an den Angriff der Jordanier und den schnellen Sieg der Israelis im Sechstagekrieg, nichts mehr an das geteilte Stadtviertel Abu Tor. Ost-Jerusalem mit seiner palästinensischen Bevölkerung war gleich 1967 annektiert worden, hinter dem Garten verlief wieder eine kleine, ungepflasterte Straße, und alle Häuser, auf der arabischen wie der jüdischen Straßenseite, waren aus dem gleichen mandelfarbenen Kalkstein erbaut. Aber in dieser Stadt, die Aldous Huxley das "Schlachthaus der Religionen" nannte, lebte die Trennung entlang unsichtbarer Linien fort. Hier waren die Menschen immer zuerst Muslim, Jude oder Christ gewesen, dann erst Bürger von Jerusalem.

So lernte Angelika Schrobsdorff nur ihre jüdischen Nachbarn kennen, keinen einzigen Araber von der anderen Straßenseite. Hier, wo der Weg vom Okzident zum Orient nur ein paar Schritte mißt, schickten die einen ihre Kinder in die arabische Schule, die anderen in die jüdische; die einen kauften im arabischen Ortskern ein, die anderen in der jüdischen Einkaufsstraße; die einen benutzten das Bussystem in West-Jerusalem, die anderen das arabische Pendant im Osten. Man lebte Rücken an Rücken und schaute den anderen nicht an. Aber immerhin: Man ließ einander in Ruhe. Bis vor sechs Jahren die Intifada begann.

Der palästinensische Aufstand kam durchs Fernsehen nach Abu Tor – aus Gaza, aus Hebron und aus Ramallah. Die Einwohner von jüdisch Abu Tor, darunter viele Intellektuelle und Künstler, mochten erst gar nicht glauben, daß einen Steinwurf entfernt nun wieder Feindesland sein sollte. Sie entschlossen sich, der Regierung und der PLO vorzuleben, was gute Nachbarschaft ist. Sie bildeten eine Delegation, fünfzehn Köpfe stark, wanderten den Hügel hinab nach arabisch Abu Tor, trafen dort auf die palästinensische Delegation, vier Köpfe stark, und handelten einen dörflichen Separatfrieden aus. Sie versprachen, den Nachbarn mit Lebensmitteln zu Hilfe zu kommen, wenn die israelische Armee das Viertel abriegeln sollte; und die Palästinenser sagten zu, mäßigend auf die eigenen Kinder einzuwirken, ihnen beizubringen, nicht die Autos der jüdischen Nachbarn anzuzünden, nicht Bomben zu legen.