Von Christoph Dieckmann

Erfurt

Sie war es wieder, Frau Molkenthin. Schlotternd stand sie draußen vor der Tür. Der Pastor, den das späte Klingeln nicht erschrecken durfte, obgleich er todmüde war von zwei Beerdigungen und der langen Sitzung und dem Unterricht, ließ sie ein und seine Predigtbücher fahren. Er kochte Tee. Daheim soff ihr Schläger von Mann.

Wer spricht davon? Ein Bild hängt schief: das der Kirche in der DDR. Das liegt am Rahmen, an retrospektiver Ideologie. Von ferne scheint’s, die Kirche habe ein politisches Mandat erfüllt, sei’s Konformismus, sei’s Opposition. Hat sie nicht. Sie gründet anders. Auch wenn sich ihre Predigt an die Hohen Häuser wandte, blieb sie unfähig, da unbefugt zur Macht (späte Versuchungen zum politischen Laienspiel erstarben im Bonner Applaus). Trotzdem galt die evangelische Kirche gleich nach der Wende als Orden der Georgsritter, die den roten Drachen bekriegten und besiegten. Alsdann mutierte sie im wunderbaren Tempo der Medienkarrieren zur fünften Kolonne der SED, zumal besonders der Ritter von Potsdam hauptamtlich als Drache tätig gewesen sei.

Extreme zu vermeiden ist die einzige Pflicht der Enquetekommission. Nie zuvor gelang ihr das so gut. Schuld waren die Zeugen. Kein Geeier, keine selbstverfaßten Heldenlieder, nichts von Flucht in die Verhältnisse oder Akrobatik mit Paradoxien, als deren schönste jüngst zu hören war, es hätte der Opposition am meisten geholfen, wer sie nicht mit Hilfe korrumpierte. Derlei Ablaßhandel unterblieb in Erfurt. Wer sprach, wollte was sagen.

Eberhard Jüngel, Ostler aus Tübingen und Primadonna der protestantischen Theologie, bot einen Abriß der großen Phasen ostdeutscher Kirchengeschichte seit 1945. Erst die kirchenfreundliche Frühzeit der sowjetischen Besatzungsmacht. Dann der Kreuzzug der SED. Nach dem Bau der Mauer gewährte man förmlichere Beziehungen, ahnend, daß der christliche Aberglaube die sich ständig entwickelnde sozialistische Menschengemeinschaft noch ein Stück Weges begleiten werde. 1969, mit der Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, begann dann, was der Erfurter Propst Heino Falcke als "Konfliktvermeidungsstrategie" und "System wechselseitiger Stabilisierung" bezeichnet hat.

Jüngel beschrieb ein Ethos bekennender Kirche, deren Widerstand gegen Hitler genauso zur Auslegungsgeschichte des Evangeliums gehört wie das Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945 und das Darmstädter Wort zwei Jahre darauf. Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet und so weiter. Die Wahrheit sei der eigentliche Klassenfeind der SED gewesen, und "zur Gegenöffentlichkeit konnte die Kirche nur werden, weil sie selber vom Öffentlichkeitsanspruch des Evangeliums lebt". Der Perversion der Stasi-Mitarbeit gestand Jüngel Georg Lukacs’ Maxime kommunistischer Ethik zu, wonach die Anerkennung der Notwendigkeit, Böses zu tun, höchste Pflicht sei und die Erfüllung dieser Pflicht das größte Opfer, das die Revolution ihren Anhängern abverlange. "Der Kirche konnte derlei nur als verwerflicher Aberglaube erscheinen." Höchst fatal fand Jüngel die lockere Pragmatik konspirativen Umgangs, "von westdeutschen Politikern indirekt ermuntert für politische Brückenschläge zwischen Bonn und Ostberlin" und begünstigt durch eine "Kirchenleitungspraxis, die sich emanzipierte von der theologischen Reflexion ihrer Aufgaben. Das Problem kirchlicher Sicherheitskontakte war. deren Personalisierung, ja Privatisierung." Ehe man’s vergißt: Für die allermeisten Amtsträger blieb die Stasi tabu.