Streit ist ein wichtiges Element in der Wissenschaft. Er treibt sie voran – und liefert den Journalisten ständig Stoff für Storys. Reichlich wissenschaftlichen Streit hat es bisher auch über die Immunschwächekrankheit Aids gegeben. Wie gefährlich und wie ansteckend ist sie tatsächlich? Bis heute weiß niemand, auf welchem Wege das verflixte HI-Virus die Krankheit auslöst. Bei den meisten Menschen endet die Infektion irgendwann tödlich, viele jedoch leben jahrzehntelang mit ihr ohne Krankheitszeichen. So meint beispielsweise der Franzose Luc Montagnier, einer der Entdecker von HIV, es müsse noch weitere Faktoren geben, die zum Ausbruch der Immunschwäche beitragen oder sie zumindest beschleunigen. Beweise hierfür stehen jedoch aus.

Auf diesem Feld der Unsicherheit blüht auch der Weizen des kalifornischen Virologen Peter Duesberg und seiner Anhänger. Sie behaupten, eine Infektion mit HIV sei nicht wesentlich für den Ausbruch der Krankheit. Das britische Sonntagsblatt The Sunday Times hat diese in Fachkreisen längst verworfene Theorie erneut hervorgekramt und sich in wesentlichen Teilen zu eigen gemacht. In einer Serie von Artikeln legte das Blatt seinen vier Millionen Lesern nahe, die Aids-Epidemie in Afrika sei ebenso ein Mythos wie die Ausbreitung dieser Krankheit auf heterosexuellem Wege. Presse und Fachblätter würden in einer Art Selbstzensur Duesbergs Thesen unterdrücken.

Dies wiederum brachte das Wissenschaftsmagazin Nature in Harnisch. In einem Editorial warf es der Sonntagszeitung gefährlichen Mißbrauch der Pressefreiheit vor und stellte die Frage nach deren Grenzen. Im öffentlichen Interesse solle das Massenblatt aufhören, eine "perverse Linie bezüglich der Ursache von Aids" weiter zu verfolgen. Die Zeitung habe offenbar den Schaden nicht bedacht, den sie bei Jugendlichen und Erwachsenen anrichte, indem sie deren Vorurteile gegenüber Safer Sex schüre. Kurzum: Wer so verharmlost, der leistet der Epidemie Vorschub. Nature will die Aids-Berichte der Sunday Times künftig dokumentieren und kritische Leserbriefe dazu drucken.

Auch in Deutschland treiben Aids-Verharmloser ihr Unwesen. Über offene Fernsehkanäle verbreitet beispielsweise der Berliner "Aids-Kritiker" Peter Schmidt seine "Berichte zum Aids-HIV-Irrtum", alleine für den Monat Dezember hat er Sendungen in Ludwigshafen, Hamburg und Berlin angekündigt. Seine "ehrenamtliche Öffentlichkeitsarbeit" verhökert er auf Videokassetten mit Titeln wie "Aids-Lüge" und "HIV-Mythos".

Die Aids-Gefahr wurde Anfang der achtziger Jahre unterschätzt, Tausende haben dies mit dem Leben bezahlt. Daß die Epidemie in Deutschland bisher glimpflicher verlief als befürchtet, ist Wasser auf die Mühlen der Verharmloser. Sie suchen keinen akademischen Streit, sondern profilieren sich mit einer lebensgefährlichen Botschaft. Die darf nicht unwidersprochen bleiben – Nature hat das Signal dafür gegeben. Hans Schuh