Die männliche Stimme am anderen Ende der Leitung klingt völlig normal. "Guten Tag, hier ist der Postbank-Telephonservice", hört der Anrufer, der die Nummer 54 55 71 23 in München wählt. Doch wer mit dem Gesprächspartner zunächst die üblichen Begrüßungsfloskeln wechseln will, ist an der falschen Adresse. Die Stimme läßt sich nicht auf Plaudereien über das Wetter oder die Börse ein, sondern kommt gleich zur Sache: "Wenn Sie Ihre Eingaben über die Telephontastatur oder einen Signalgeber machen wollen, drücken Sie bitte jetzt die Null", tönt gleich als zweiter Satz aus dem Hörer. Während der unbedarfte Anrufer noch überlegt, was damit wohl gemeint sein könnte, fragt die Stimme freundlich-scheinheilig: "Haben Sie dieses System bereits benutzt?" Wem es jetzt die Sprache verschlägt, wird nach einem Piepton lapidar aufgefordert: "Bitte antworten Sie nur mit Ja oder Nein."

Eingeweihte Anrufer wissen, daß sie nicht falsch verbunden oder an einen zerstreuten Postbeamten geraten sind. Der merkwürdige Dialog findet vielmehr mit einem Computer statt, die Stimme kommt vom Band. Die sprechende Maschine gilt im Geldgewerbe als der letzte Schrei. Nicht nur die Postbank, sondern auch andere Kreditinstitute wie die Deutsche oder Dresdner Bank sowie Sparkassen sind eifrig dabei, derartige Geräte aufzustellen. Über sie können die Kunden per Telephon den Stand ihres Girokontos abfragen oder neue Euroscheck-Formulare bestellen.

Die Kommunikation mit dem Spracherkennungscomputer ist der vorläufige Höhepunkt einer neuen Welle im Geldgeschäft: Telephon-Banking. Zwar konnten die Kunden mit guten Kontakten zu Bankangestellten schon bisher bestimmte Aufträge fernmündlich erteilen, aber jetzt wird der Service auf eine breitere Basis gestellt. Selbst große Filialbanken versprechen ihren Kunden, daß sie damit bequemer über ihre Finanzen verfügen können. Doch der Nutzen für die Anwender ist nicht das einzige Investitionsmotiv. Denn insgeheim erhofft sich das Kreditgewerbe von der Einführung des Telephon-Banking Einsparungen.

Die Rolle des Trendsetters spielt hierzulande die Citibank Privatkunden AG. Die deutsche Tochtergesellschaft des amerikanischen Finanzkonzerns Citicorp registriert inzwischen monatlich gut 350 000 Anrufe von Kunden, die ihre Geldgeschäfte fernmündlich erledigen wollen. Wer bei der Bank ein Girokonto hat, kann rund um die Uhr und sechs Tage in der Woche das "Citiphone Banking"-Zentrum in Bochum anwählen. Dort teilen sich mehr als 400 Beschäftigte, überwiegend Studenten, im Schichtbetrieb rund 60 Telephon-Arbeitsplätze und nehmen Wünsche wie Überweisungen, Daueraufträge oder Bestellungen von Devisen entgegen, die sie gleich in den Computer eingeben.

Tatsächlich scheint es dem Kreditinstitut gelungen zu sein, mit dem Angebot neue Kunden zu gewinnen. Die Zahl seiner Girokonten steigt jedenfalls stetig – und das in einem weitgehend aufgeteilten Markt. Dieser Erfolg hat die Konkurrenz aufgeschreckt. Mittlerweile glauben selbst kleinere Häuser, auf Telephon-Banking nicht mehr verzichten zu können.

Der Trend kommt dem Kreditgewerbe gerade recht. Denn um Geld zu sparen, arbeitet die Branche derzeit mit Hochdruck an einem Umbau ihres Geschäfts mit den Privatkunden. Diese sollen künftig ihre finanziellen Transaktionen möglichst selbst in die Hand nehmen und nur noch bei komplizierteren Geldgeschäften in ausgesuchten Filialen von Menschen bedient werden.

In dieses Sparkonzept paßt das Telephon-Banking wie der Hörer auf die Gabel. Die Citibank rückt zwar keine Zahlen heraus, der Rationalisierungseffekt dürfte aber beachtlich sein, selbst wenn nur ein Teil der 350 000 Anrufer alternativ das Personal in den Filialen in Anspruch genommen hätte. Denn die Bank hat ihr Bochumer Telekommunikationszentrum in eine Tochtergesellschaft ausgegliedert, die nicht dem Arbeitgeberverband angehört und damit auch nicht in den Geltungsbereich des Banktarifs fällt. Im Telephonservice arbeiten überwiegend Teilzeitbeschäftigte ohne bankkaufmännische Ausbildung mit entsprechend geringerer Entlohnung. Denselben Weg geht die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank mit ihrem Telephon-Service. Auch andere Häuser dürften ihr Heil in der "Tarifflucht" suchen, vermutet Uwe Spitzbarth von der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV).