Von Wolfgang Huber

Mißtrauen geht um im Land. Es wird anders geredet als gehandelt, heißt der Vorwurf. Er trifft nicht nur die Politik, aber sie besonders unerbittlich. Wie alle Pauschalurteile, so ist auch dieses ungerecht. Doch es bildet einen Teil unserer Realität. Und für neue Nahrung wird ständig gesorgt.

Nötig ist heute eine Schneise durch das Dickicht des Mißtrauens. Alle gesellschaftlichen Institutionen sind darauf angewiesen. Sie alle gewinnen Handlungsfreiheit nur, wenn das lauernde Warten auf die nächste Unaufrichtigkeit überwunden wird. Durchbrüche können nur stattfinden, wenn die Wahrheit ernst genommen – und erkannte Wahrheit im Handeln befolgt wird. Sonst könnte das Urteil über unsere Generation heißen: "Denn sie tun nicht, was sie wissen."

Warum sollten nicht Weihnachten und die Pause "zwischen den Jahren" dazu genutzt werden, einen solchen Schritt zur Wahrhaftigkeit vorzubereiten? Modellprobleme sind dafür schnell zur Hand.

Die Vergangenheitsbewältigung: Noch immer muß man an jeder Windung der Diskussion über unsere deutsch-deutsche Vergangenheit befürchten, daß der Zug entgleist, weil Vorwürfe und Vorschläge immer und sofort ins maßlose gesteigert werden.

Die Lust an den Extremen verführt die einen zur Sündenbocksuche, die anderen zum geplanten Gedächtnisverlust, zur Amnesie. Wird in Ostdeutschland ein bisher unbekanntes Dokument über Gespräche zwischen Staatsfunktionären und Kirchenvertretern entdeckt, ist regelmäßig mindestens von "Kumpanei" die Rede. Und wer von dieser Diskussion genug hat, fordert gleich, alle Stasi-Akten zu verbrennen. Sehnsüchtig blickt man als Deutscher auf eine politische und geistige Kultur, die es dem Polen Adam Michnik möglich macht, sich für Amnestie und gerade damit gegen Amnesie auszusprechen, für ein Vergeben ohne ein Vergessen. Seine Anregung zeigt: Das Wühlen in der Vergangenheit und die Aufklärung der Vergangenheit sind zweierlei.

Wer in fairer Weise nach der Vergangenheit sucht, verläßt sich nie auf eine Quellenbasis allein – schon gar nicht auf diejenige eines Geheimdienstes. Wer fair sein will, spürt nicht nur den Mitläufern nach, sondern versucht, den Hauptakteuren auf die Schliche zu komen. Die Wahrhaftigkeit erfordert, auch die Motive der Handelnden einzubeziehen; von denen, die sich den Mantel des Historikers umhängen, verlangt sie auch, über die Motive Rechenschaft zu geben, die unter diesem Mantel verborgen werden sollen. Wer sich einbildet, der Aufklärung schon dadurch zu dienen, daß vermeintliche Sündenböcke zur Treibjagd freigegeben werden, täuscht sich gründlich. Die Suche nach dem Sündenbock ist ein Opferritual, keine Aufklärung.