Nun danket alle Gatt. Das Handelsabkommen ist besiegelt, die exception culturelle durchgesetzt, die Frankfurter Rundschau grüßt alle Hollywoodfeinde und Kulturkämpfer im tapferen Frankreich mit einem donnernden "Merci!" – und der lahme, taube und blinde, von Subventionsnassauern und Berufemoralisten geschändete europäische Film darf wieder in ganz Europa in Ruhe weitersterben.

In ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Politikern bevölkertes hauptstädtisches Dorf am Rhein hört nicht auf, der angeschlagenen Filmkultur Widerstand zu leisten. Das Leben ist deshalb nicht leicht für die Programmkinobesitzer und Kunstfilmverleiher an Elbe, Isar, Main und Spree – und im neuen Jahr wird es noch schwerer werden. Dann nämlich wird das "Gesetz über Maßnahmen zur Bewältigung der finanziellen Erblasten im Zusammenhang mit der Herstellung der Einheit Deutschlands, zur langfristigen Sicherung des Aufbaus in den neuen Ländern, zur Neuordnung des bundesstaatlichen Finanzausgleichs und zur Entlastung der öffentlichen Haushalte" wirksam, das der Bonner Bundestag im Juni im Eilverfahren beschlossen hat.

Ein gutes, ein wichtiges Gesetz. Es regelt manches und vieles, auf das man hier nicht näher einzugehen braucht. Aber der Art. 27 Abs. 1 des Gesetzes regelt etwas, das auch uns Filmzuschauer angeht: den Mehrwertsteuersatz, den ein Kino auf seine Kasseneinnahmen pro Film ans Finanzamt abführen muß.

Bisher lag dieser Steuersatz einheitlich bei sieben Prozent. Das neue Gesetz bestimmt nun, daß alle Filme, die nicht bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) in Wiesbaden vorgelegt oder von den Prüfern der FSK erst für Zuschauer ab achtzehn Jahren freigegeben würden, mit dem erhöhten Mehrwertsteuersatz von 15 Prozent bedacht werden.

Wer ist von der neuen Regelung betroffen? Ein paar amerikanische Gewaltschinken ("Cliffhanger", "Fortress", "Universal Soldier"), ein bißchen Horror ("Stephen King’s Stark"), ein bißchen Sex ("Wilde Orchidee 2"). Aber vor allem jene deutschen und europäischer Filme, die von cinephilen Kleinverleihem, welche sich die knapp 4000 Mark teure FSK-Prüfung längst nicht mehr leisten können, in ein paar wagemutige Programmtheater gebracht werden, um dort vor den happy few des deutschen Kinopublikums zu laufen: Greenaways "Wunder von Mäcon" ebenso wie Angelopoulos’ "Schwebender Schritt des Storches", Michael Kliers "Ostkreuz" wie Michael Hanekes "Bennys Video". Betroffen sind Klassiker wie Kurosawas "Ikiru" und "Nachtasyl", Dokumentationen wie Heike Sanders "BeFreier und Be-Freite", aber auch alle Originalversionen ausländischer Filme, die auf Festivals, in Filmmuseen oder Programmkinos gezeigt werden. Betroffen ist gerade jener Teil der deutschen Filmbranche, der sich seit Jahrzehnten beharrlich bis zur Selbstausbeutung der endgültigen Kolonialisierung des deutschen Kinos widersetzt.

Vierzig Millionen Mark sollen durch die Steuererhöhung "für jugendgefährdende Filme und Schriften" nächstes Jahr in die Staatskasse fließen. Das ist, zumindest was die Filme betrifft, ein widersinniges Kalkül. Denn die Kinos werden die hochbesteuerten Werke zum großen Teil nicht mehr zeigen, und die Verleihe werden sie nicht mehr vertreiben.

Am 1. Januar 1994 tritt das Gesetz in Kraft. Dann beginnt für viele kleine Filmverleiher, deren Existenzgrundlage durch die absurde Steuerverdoppelung zerstört wird, der letzte Kampf. Wir werden diese Firmen mit so seltsamen Namen wie "Silver Cine", "TiMe", "Wild Okapi" oder "Nil Film" vielleicht nicht gleich vermissen. Aber wir werden die Filme vermissen, die sie uns gebracht haben: Filme von Kaurismäki und Karmakar, Filme aus Afrika, Rumänien und Rußland, Filme ohne FSK-Prädikat – über dreißig waren es allein in diesem Jahr.