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Von Arne Daniels

Das gab es noch nie. Anstatt über Lohnerhöhungen zu feilschen, forderten die baden-württembergischen Metallarbeitgeber zum Auftakt der Tarifverhandlungen am vergangenen Freitag Kostensenkungen "von mindestens zehn Prozent". Erreicht werden soll dieser tiefe Schnitt, wie in den anderen Bezirken auch, durch die Streichung des Urlaubsgeldes, Änderungen der Urlaubsrahmenbestimmungen und eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Die IG Metall hingegen verlangt Lohnerhöhungen zwischen 5,5 und 6 Prozent. Angesichts solcher Differenzen droht nun ein schwerer Streik in der von der Rezession besonders schlimm gebeutelten Metallindustrie. "Krawalle mit unabsehbaren Folgen" sieht gar IG-Metall-Chef Klaus Zwickel heraufziehen, wenn die Arbeitgeber nicht von ihrem Verlangen nach Lohnsenkungen abrückten. Wo ein Kompromiß liegen könnte, sei derzeit "unvorstellbar", meinte der Stuttgarter IGM-Bezirksleiter Gerhard Zambelli.

Ist ein Arbeitskampf wirklich unausweichlich? In der Tat waren die Kontrahenten der streitbaren Metallbranche noch nie so weit auseinander. Zugleich aber war auch noch nie so viel Bewegung in der Tarifpolitik wie in jüngster Zeit. Die spektakuläre Einführung der Vier-Tage-Woche bei Volkswagen, die dem Unternehmen erhebliche Einsparungen beschert und gleichzeitig 30 000 Jobs sichert, sowie Betriebsvereinbarungen bei Opel und Mercedes-Benz, wo sich die Belegschaften durch Konzessionen bei Einkommen und Arbeitszeit ein Stückchen Arbeitsplatzsicherheit erkauften, zeigen: Unter dem Druck von Rezession und Massenarbeitslosigkeit ist die Bereitschaft rapide gewachsen, nach unkonventionellen Lösungen zu suchen. Das läßt hoffen.

Wie hart die Tarifrunde tatsächlich wird, hängt allein von Kompromißbereitschaft und Phantasie der Verhandlungspartner ab. Gegen die Ablehnung der Arbeitnehmer wird es eine Einigung nicht geben – das weiß Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Dieter Kirchner. "Sonst gelingt der IG Metall die Mobilisierung zum Streik, und den können wir wirklich nicht gebrauchen." Kirchner fordert einen "Verzicht mit Perspektive".

Das Zauberwort der Tarifrunde könnte deshalb Beschäftigungssicherung heißen. Die Arbeitgeber haben dies, neben der Kostensenkung, zum "Obermotto dieses Jahres" erklärt. Nun müssen sie zeigen, ob sie als Gegenleistung zum geforderten Lohnverzicht mehr zu bieten haben als die vage Hoffnung auf bessere Zeiten. Die IG Metall hat ihrerseits angekündigt, für die Sicherung der Jobs materielle Zugeständnisse zu machen. Und zumindest inoffiziell ist die Gewerkschaft zu größeren Zugeständnissen bereit als die Anrechnung der zwei Prozentpunkte Lohnerhöhung, die sie eigentlich als Ausgleich für den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs verlangt. Die Kontrahenten sollten diese Offerten der jeweils anderen Seite ernst nehmen. Denn die Beschäftigungssicherung ist die Brücke, auf der sie sich treffen können.

Die Gewerkschaft will die für 1995 ohnehin vereinbarte 35-Stunden-Woche vorziehen und dabei auf einen Lohnausgleich verzichten. Da dies eine Kostenentlastung verspricht und die Kapazitäten der meisten Betriebe im kommenden Jahr ohnehin nicht ausgelastet sein werden, sollten sich die Arbeitgeber dem nicht widersetzen. Doch damit ist der Spielraum für Arbeitszeitverkürzungen noch lange nicht ausgeschöpft. Die Beispiele VW und Mercedes, so unterschiedlich sie auch sind, zeigen, daß es zumindest auf betrieblicher Ebene möglich ist, den Unternehmen Kostenerleichterungen zu verschaffen und dafür die Angst der Belegschaften vor Arbeitslosigkeit zu mildern. Die anspruchsvolle Aufgabe der Tarifparteien ist es nun, diese Idee auch für Flächentarifverträge nutzbar zu machen.

Weder möglich noch sinnvoll ist es, für alle Betriebe eines Tarifgebietes etwa die Einführung der Vier-Tage-Woche und zugleich den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen zu verordnen. Durchaus denkbar ist aber, im Flächenvertrag die Möglichkeit für sogenannte betriebsindividuelle Lösungen à la VW zu schaffen. Von solch "kontrollierter Betriebsbezogenheit" könnten sowohl Unternehmen als auch Belegschaften profitieren. Zugleich würde die Tarifautonomie Gestaltungskraft beweisen. Die Laufzeit solcher Vereinbarungen ließe sich begrenzen. Danach kann ja, wer will, wieder altvertraute Positionen beziehen.

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Beiderseitigen Nutzen könnte auch ein Thema stiften, das noch vor wenigen Jahren immer für erbitterte Grabenkämpfe gut war: das der Flexibilisierung. Die Arbeitgeber möchten breitere Spannen bei der tariflichen Arbeitszeit, etwa zwischen dreißig und vierzig Wochenstunden. Zudem sollen die sogenannten Ausgleichszeiträume erweitert werden, um flexibler auf die Auftragslage reagieren zu können. Konkret heißt das, daß die Wochenarbeitszeit nurmehr ein Durchschnittswert wäre, abgerechnet wird womöglich erst am Jahresende. Der Charme dieser Ideen: Durch den intelligenteren Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit könnte die Produktivität steigen; damit würde zusätzlicher Spielraum bei den Monatslöhnen geschaffen werden. Auf teure Überstunden könnten die Betriebe mehr als bisher verzichten. Das entlastete nicht nur die Unternehmen, sondern entspräche auch einer alten Forderung der Gewerkschaften.

Schließlich sollten die Tarifparteien über die Einführung einer Gewinnbeteiligung nachdenken. Die Werktätigen würden für die Krise nicht allein mit Lohnbescheidenheit bezahlen, sie könnten auch die Früchte, die sie so säen, später ernten. Der von Kirchner geforderte "Verzicht mit Perspektive" würde so konkret. Weil die Gewerkschaften den vielfach diskutierten Investivlohn als "Zwangssparen" ablehnen, sollten die Beschäftigten über diese Gewinnbeteiligung frei verfügen können. Wenn neutrale Wirtschaftsprüfer den Unternehmensgewinn ermittelten, wäre auch die panische Angst vieler Mittelständler vor einer Offenlegung ihrer Geschäftszahlen unbegründet. Eines freilich ist nicht möglich: ein Bonussystem mit einem niedrigen Sockelbetrag und einem großen variablen Anteil. Das mag bei gutbezahlten Managern funktionieren, bei Industriearbeitern, die jeden Pfennig umdrehen müssen, funktioniert es nicht.

Die Ankündigung beider Seiten, neue Wege in der Tarifpolitik zu beschreiten, wird auf eine harte Probe gestellt. Die düstere Aussicht eines Arbeitskampfes könnte hierbei freilich Gutes bewirken. Anders als früher, da "ganz sportlich" (Dieter Kirchner) über die Verteilung der Gewinne gestritten wurde, stünde heute die Existenz zahlreicher Betriebe auf dem Spiel. Daß gerade viele der radikalen Mittelständler, die besonders laut nach Kostenentlastungen schreien, einen längeren Streik nicht überstehen würden, ist bei Gesamtmetall durchaus bekannt. Bei der IG Metall sieht man das nicht anders. Auch das läßt hoffen.