Beiderseitigen Nutzen könnte auch ein Thema stiften, das noch vor wenigen Jahren immer für erbitterte Grabenkämpfe gut war: das der Flexibilisierung. Die Arbeitgeber möchten breitere Spannen bei der tariflichen Arbeitszeit, etwa zwischen dreißig und vierzig Wochenstunden. Zudem sollen die sogenannten Ausgleichszeiträume erweitert werden, um flexibler auf die Auftragslage reagieren zu können. Konkret heißt das, daß die Wochenarbeitszeit nurmehr ein Durchschnittswert wäre, abgerechnet wird womöglich erst am Jahresende. Der Charme dieser Ideen: Durch den intelligenteren Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit könnte die Produktivität steigen; damit würde zusätzlicher Spielraum bei den Monatslöhnen geschaffen werden. Auf teure Überstunden könnten die Betriebe mehr als bisher verzichten. Das entlastete nicht nur die Unternehmen, sondern entspräche auch einer alten Forderung der Gewerkschaften.

Schließlich sollten die Tarifparteien über die Einführung einer Gewinnbeteiligung nachdenken. Die Werktätigen würden für die Krise nicht allein mit Lohnbescheidenheit bezahlen, sie könnten auch die Früchte, die sie so säen, später ernten. Der von Kirchner geforderte "Verzicht mit Perspektive" würde so konkret. Weil die Gewerkschaften den vielfach diskutierten Investivlohn als "Zwangssparen" ablehnen, sollten die Beschäftigten über diese Gewinnbeteiligung frei verfügen können. Wenn neutrale Wirtschaftsprüfer den Unternehmensgewinn ermittelten, wäre auch die panische Angst vieler Mittelständler vor einer Offenlegung ihrer Geschäftszahlen unbegründet. Eines freilich ist nicht möglich: ein Bonussystem mit einem niedrigen Sockelbetrag und einem großen variablen Anteil. Das mag bei gutbezahlten Managern funktionieren, bei Industriearbeitern, die jeden Pfennig umdrehen müssen, funktioniert es nicht.

Die Ankündigung beider Seiten, neue Wege in der Tarifpolitik zu beschreiten, wird auf eine harte Probe gestellt. Die düstere Aussicht eines Arbeitskampfes könnte hierbei freilich Gutes bewirken. Anders als früher, da "ganz sportlich" (Dieter Kirchner) über die Verteilung der Gewinne gestritten wurde, stünde heute die Existenz zahlreicher Betriebe auf dem Spiel. Daß gerade viele der radikalen Mittelständler, die besonders laut nach Kostenentlastungen schreien, einen längeren Streik nicht überstehen würden, ist bei Gesamtmetall durchaus bekannt. Bei der IG Metall sieht man das nicht anders. Auch das läßt hoffen.