Von Hans Otto Eglau

An einen spektakuläreren Manager-Hinauswurf können sich auch alte Hasen aus Finanz und Industrie nicht erinnern: Sechs von acht Vorstandsmitgliedern der Metallgesellschaft AG, an ihrer Spitze Konzernchef Heinz Schimmelbusch, wurden vergangenen Freitag vom Aufsichtsrat fristlos gefeuert – offiziell wegen mangelhafter Unterrichtung über riskante Öl-Termingeschäfte. Gleichzeitig jedoch mußten sich die Geschaßten eine überzogene Expansionspolitik und fehlende Transparenz des weitverzweigten Konzerns vorwerfen lassen. Warum aber veranlaßte erst der SOS-Ruf Schimmelbuschs nach Liquiditätshilfe der Banken die Aufpasser, Köpfe rollen zu lassen?

Wann immer in Deutschland ein bekanntes Unternehmen in wirtschaftliche Turbulenzen gerät – von Lufthansa bis VW, von Girmes bis Südmilch –, wird in der Öffentlichkeit die Frage laut: Hat denn der Aufsichtsrat nichts gemerkt? Haben die Aufseher wieder einmal nicht aufgepaßt?

Freunde von Kurt Tucholsky haben die Antwort schnell parat: Aufsichtsräte rieten mehr als sie beaufsichtigten, hatte der Dichter einst wortspielerisch formuliert. Andere Kritiker drücken sich anschaulicher aus: Der Versuch, säumige Kontrolleure zur Verantwortung zu ziehen, komme dem Kunststück gleich, eine Sau am eingeseiften Schwanz festzuhalten.

Zweifel an der Funktionsfähigkeit der überkommenen Unternehmensverfassung halten seit einiger Zeit auch in den Chefetagen Einzug. Nach außen dringt von der neuen Nachdenklichkeit allerdings kaum etwas – Topmanager wollen nicht als "Nestbeschmutzer" bei den Kollegen anecken.

"Der Vorstand hat unter eigener Verantwortung die Gesellschaft zu leiten", bestimmt das Aktiengesetz in Paragraph 76. Ebenso klar regelt Paragraph 111 die Kontrolle des Managements: "Der Aufsichtsrat hat die Geschäftsführung zu überwachen." Doch bis zum Verbot der Überkreuzverflechtung (der wechselseitigen Vertretung von Vorstandsmitgliedern zweier Unternehmen im Aufsichtsrat des jeweils anderen) im Jahre 1965 fand eine Überwachung im eigentlichen Sinne des Wortes selten statt. Wechselseitige geschäftliche Abhängigkeiten, personelle Verflechtungen und die Mitwirkung der Vorstände bei der Zusammensetzung ihrer Aufsichtsräte machten das Kontrollgremium zur Farce. Zumindest bei Gesellschaften ohne bestimmenden Großaktionär hielten sich die Aufseher bewußt zurück und beschränkten sich auf ihre aktienrechtlichen Pflichten: die Feststellung des jährlichen Jahresabschlusses und die Ernennung und Abberufung von Vorstandsmitgliedern.

Auch nach der Aktienrechtsreform von 1965 hielt die Großwirtschaft ihr engmaschiges Beziehungsnetz intakt. So richteten die Großbanken für ihre Aufsichtsräte aus Industrie und Handel, die das Gesetz zum Ausscheiden zwang, ersatzweise zentrale Beraterkreise ein. Um dem Verflechtungsverbot Genüge zu tun, reicht es ohnehin schon, daß eine der beiden Gesellschaften statt eines Vorstandsmanagers ein ihm besonders nahestehendes Aufsichtsratsmitglied entsendet, vorzugsweise einen pensionierten Kollegen. So gehört Ulrich Cartellieri aus dem Vorstand der Deutschen Bank dem Siemens-Aufsichtsrat an. Hermann Franz, ehemaliger Siemens-Vorstand und inzwischen Aufsichtsratschef des Elektromultis, sitzt dafür am Kontrolltisch des führenden deutschen Geldkonzerns. In gleicher Weise sind Siemens und Bayer personell verbunden.