Schweizer Schriftsteller laufen, wenn sie ihr kleines Land der großen Welt erklären dürfen, zu einer fast schon notorischen Hochform auf. Der von Alice Vollenweider herausgegebene literarische Führer Schweizer Reise ist randvoll mit Tatbeweisen aus den letzten zwanzig Jahren. Wer es von Dürrenmatt bis Widmer zu Rang und Namen gebracht hat oder wie Peter Weber gerade bringt, läßt hier die guten alten Schulaufsatz-Muskeln spielen.

Die Autoren des Bandes sind oft genug als Touristen im eigenen Land unterwegs, überqueren mehr oder weniger argwöhnisch die nationalen Sprachgrenzen oder bitten ins private Oberstübchen, das oft etwas knorrig eingerichtet ist. Bei diesen Extratouren wird zwar keine Kurtaxe erhoben, aber auch kein Klischee ausgelassen: mal demontiert, mal zementiert, mitunter auch auf Teufel komm raus thematisiert. Adolf Muschg etwa zieht sich bei seiner Radiopredigt wider den Götzen Skizirkus eine komplizierte Fraktur im moralischen Zeigefinger zu. Urchig dagegen, will sagen: "krumm wie gewachsen", der Volkssport des Schwingens – und souverän, was Gerold Späth diesem derben und ehrlichen Zweikampf im Sägemehlring abgewinnt.

Gut eidgenössisch wird aber auch oft an den herrschenden Zuständen herumgegrantelt. Gar zum Lospoltern ermächtigt sind Urgesteine wie Maurice Chappaz oder der jüngst verstorbene Niklaus Meienberg, der hier mit einem seiner Meisterstücke vertreten ist: "Denn alles Fleisch vergeht wie Gras" führt die ehrenwerten Spitzen der helvetischen Gesellschaft vor, die sich zur Abdankung eines der unheimlichsten Patrioten im Generalstab eingefunden haben – eine Tirade, die sich bei aller dezidiert politischen Brisanz noch lüpfig liest, auf deutsch: leichteren Herzens (selbst von den frontal Angegangenen). Das gilt auch für die Arbeiten so verschrobener Kleinkünstler wie Franz Hohler und Ernst Eggimann. Mit der Tarnkappe der Mundart vertraut und kabarettgestählt dazu, genießen sie, zum bodenlosen Wohlgefallen des Publikums, ihre gedankliche und sprachliche Narrenfreiheit.

Hang zur Anekdote also, Drang zur Pointe? Natürlich nimmt sich vieles in den originalen Zusammenhängen der Texte (oft sind sie Romanen entnommen) weniger kraß aus als in der schnellen Abfolge dieser kurzen Auszüge. Daß ihr ideeller Gehalt dennoch nicht zu literarischer Folklore gerinnt, spricht auch für Alice Vollenweiders beherzte Kompetenz in der Auswahl. Keinem echten Schweizer entgeht ja heute die Zersiedelung und die Engstirnigkeit der Bewohner, und keiner glaubt daran, wenigstens einem von beidem entgehen zu können. Als Rüstzeug in diesem Sinne und als obskurer Routenplaner zahlt sich diese "Schweizer Reise" allemal aus. Andreas Schäfler

  • Alice Vollenweider (Hrsg.):

Schweizer Reise

Literarischer Reiseführer durch die heutige Schweiz; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1993; 192 S., 24,80 DM