Von Oliver Junker

Er tritt vereinzelt auf, ist meist schon ergraut und glänzt in Uni-Seminaren mit atemberaubendem Detailwissen: der Gasthörer – eine Spezies unter den Studenten, die sich in den vergangenen Jahren immer mehr verbreitet hat. Rund 30 000 dieser Gäste weilen derzeit an Deutschlands Universitäten; 1983 waren es noch 18 000. Nun hat sich der Bamberger Forscher Werner Faber darangemacht, die anwachsende Spezies etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Was treibt sie in überfüllte Hörsäle und stickige Seminarräume? Mit seinem Kollegen Klaus Dieckhoff befragte Faber 4055 Gasthörer an 62 Universitäten. Das erstaunlichste Ergebnis: Gasthörer wollen sich nicht nur weiterbilden; vielmehr dient ihnen das Studium auch als Lebenshilfe und Therapie.

So schreibt eine 45jährige Frau, das Studium der Germanistik helfe ihr, "nicht am Schicksal zu zerbrechen" – ihr Mann war bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen. Einer 57jährigen Kauffrau erspart das Geschichtsstudium "so manchen Gang zum Arzt"; ein 51jähriger Schichtmeister empfand seine Frühpensionierung als "Qual" und schrieb sich für Archäologie ein – "eine echte Hilfe und große Bereicherung". Auch einer 65jährigen Ärztin half das Studium über eine Krise hinweg: Nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, begann sie, Theologie zu studieren. Heute wird sie mit den "Problemen besser fertig".

Gasthörer haben einiges hinter sich, jeder zweite ist älter als 60. Die bisher älteste Studentin war eine Augsburger Hebamme: Noch mit 87 Jahren besuchte sie regelmäßig philosophische Vorlesungen. Das Gaststudium ist zur Domäne der Rentner geworden. Aber nicht immer fällt es den Senioren leicht, die Schwellenangst zu überwinden. Eine 77jährige Germanistikstudentin hatte zunächst "große Angst vor den Studenten und ihren eventuellen Glossen über die ‚Alte‘. Das gab sich schnell. Und als mich eine Kommilitonin mit du anredete, war diese Angst natürlich weg."

Ist die Angst überwunden, so kann ein Studium der Ruhe und Kontemplation beginnen. Denn anders als ihre jungen Kommilitonen haben die Gasthörer alle Zeit der Welt, zweckfrei und detailverliebt vor sich hin zu studieren. Sie sind "Gaststudent ohne Streß im Gegensatz zu den Studenten mit Streß", wie ein 80jähriger Verwaltungsbeamter bemerkt. Mit dem reichhaltigen Überschuß an Muße geht die Suche nach dem Sinn einher. Daher sind bei den betagten Studenten gerade die Fächer beliebt, die frisch gebackene Abiturienten nur wählen, wenn sie überschwengliches Interesse oder grenzenloser Optimismus beseelt: die Geisteswissenschaften. Im Berufsleben der meisten Gasthörer blieb keine Zeit, sich über die "Bedeutung der Dudelsackmusik im ausgehenden 17. Jahrhundert" oder die "Tapetenmuster im Frühwerk von Nabokov" (wie in Hamburg) den Kopf zu zerbrechen.

Jetzt aber, wo sie ihre Karriere hinter sich haben, ist das bedenkenlos möglich. Eine 68jährige Ärztin widmet sich der Literatur und besonders dem lyrischen Werk von Clemens Brentano; ein 61jähriger Kfz-Mechaniker studiert Theologie und führt sich die Weihnachtsgeschichte in Griechisch und Latein zu Gemüte; ein 66jähriger Maschinenbauer hat den "Ingenieur beiseite gelegt", ein "neues Leben" mit dem Geschichtsstudium begonnen. Siebzig Prozent der Gaststudenten belegen ein geisteswissenschaftliches, nur vierzehn Prozent ein naturwissenschaftliches Fach.

Die Bamberger Andragogen (Andragogik: Wissenschaft von der Erwachsenenbildung) erklären das so: Die Fragen "Wer bin ich?", "Wo bin ich?" und "Was soll ich?" stellten sich im Alter immer drängender; die Geisteswissenschaften hätten da sinnstiftende Funktion. Sie böten Orientierung und Bewahrung in einer sich blitzschnell modernisierenden Welt. Das Bewahrende der historischen Betrachtung lockt daher besonders viele Gasthörer: Fast die Hälfte studiert Geschichte, "auf der Suche nach unserer Vergangenheit", wie ein 67jähriger Verlagsdirektor schreibt.

Auf der Suche nach einem Sitzplatz indes kennen Gasthörer bisweilen keine Gnade. Bei Picasso-Vorlesungen in Hörsaal C des Hamburger Uni-Hauptgebäudes halten sie unerbittlich die ersten Reihen besetzt, und die jüngeren Semester müssen mit den billigen Plätzen vorliebnehmen. Nicht jeder Dozent freilich ist so beliebt, daß es in seinen Vorlesungen Gerangel um die besten Plätze gäbe. Ein 66jähriger Chemiker und Gasthörer der Kunstgeschichte hat das analysiert: Nur zehn Prozent der Dozenten seien wirklich gut, vierzig Prozent böten sowohl vom Inhalt als auch vom Vortrag her wenig. "Es gibt Dozenten, die können nicht drei Worte frei sprechen, ohne ein Äh! dazwischenzuschieben."